Investoren verabschieden sich aus Graz, die Stadt tröstet mit hohlen Floskeln.
Die Geduld und Finanzkraft von Investoren sind nicht endlos dehnbar. Diese Erfahrung musste der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) in den vergangenen Monaten gleich mehrmals machen. Zuerst lief das ehrgeizige Projekt „Reininghausgründe“ auf Grund. Geplant war auf fast 450.000 Quadratmetern eine gesamtheitliche Gestaltung eines neuen Stadtteils. Detailliert finden sich die dafür erforderlichen Arbeitsschritte im Regierungsprogramm der schwarz-grünen Rathauskoalition. Sie sind mittlerweile allerdings Makulatur. Denn der Investor – die Asset One – strich im September krisenbedingt die Segel. Jetzt soll die Stadt selbst die Entwicklung der „Young City“ (als Konterpart zur Altstadt) übernehmen.
Ebenfalls im Koalitionspakt festgeschrieben findet sich das Ziel einer „Neubelebung der Achse Hauptbahnhof–Annenstraße“. Kernstück war ein neues, 60.000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum gleich gegenüber dem Bahnhof. Drei Jahre plante die deutsche Otto-Gruppe an ihren „ECE-Stadtgalerien“, wie es sie beispielsweise in Klagenfurt bereits gibt. In Graz drohten wegen offenen Widerstands von Aktivbürgern und verdeckten Schikanen der eingesessenen Handelskonkurrenz aber Verfahrensverzögerungen durch die eingeforderte Umweltverträglichkeitsprüfung. Das wollte sich der Investor nicht antun. „Wir stoppen das Projekt“, meldete er Mitte dieser Woche.
Nichts wird es also für Graz mit einem Ausbau der zweifelhaften Position als Stadt mit der größten Shoppingcenterdichte Österreichs. Schon jetzt sind rund um den Uhrturm fast 300.000 Quadratmeter des Stadtgebiets für Einkaufszentren gewidmet. Dazu kommt noch das zweitgrößte Shoppingcenter des Landes direkt vor der Grazer Haustüre in der südlichen Umlandgemeinde Seiersberg.
Die Betreiber der kleinen Geschäfte in der Innenstadt dürften über das Scheitern der Pläne nicht traurig sein. Allein, wie es weitergeht, wissen auch sie nicht. Mit den Ängsten vor einer übermächtigen Konkurrenz verflüchtigten sich nämlich auch die Hoffnungen, wieder mehr Kundschaft in die seit Jahren dahinsiechende Annenstraße zu locken. Eine Mischung aus Resignation und Ratlosigkeit bleibt bestehen. Der Ruf nach der Politik wird laut. Im Rathaus wirkt man überzeugend ratlos. Die hohle Floskel von den „wirtschaftsbelebenden Maßnahmen“, die man setzen werde, kennt man rund um die Vielzahl leer stehender Geschäfte bereits zur Genüge.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2009)