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Dubai: Die Wüste klebt im Übermorgenland

(c) AP (Kamran Jebreili)
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Dubai eröffnet im Januar das höchste Gebäude der Welt und protzt auch sonst, Schulden hin, Schulden her, weiter mit Superlativen. Trotz Wirtschaftskrise bleibt das Emirat bleibt ein spannendes Reiseziel, auch für Familien.

Mekka heißt in Dubai „Wild Wadi“. Jedenfalls für Kinder. Wie Gläubige richten alle von fünf bis 15 darauf ihren Blick, möchten hinpilgern, nicht nur einmal im Leben, sondern dreimal pro Tag. Wild Wadi ist ein Wellenbad-Surfanlagen-Achterbahnen-Superrutschen-Riesenplanschbecken in Toplage am Jumeirah-Beach – an Dubais Topstrand also, nicht viel mehr als einen Wasserpistolen-pumpstoß entfernt vom bisherigen Wahrzeichen des Emirats, dem weißen, segelförmigen Siebensternehotel Burj al Arab, das gerade zehn Jahre alt geworden und schon ein Mythos ist und höher aus dem Wasser ragt, als es der Eiffelturm tun würde.

Doch dafür haben Kinder wie Marie, acht, und Simon, sechs Jahre, im Plansch-Mekka keinen Blick. Ist auch besser so, hocken sie doch im Klobrillensitz auf Schwimmreifen und lassen sich wie klitschnasse Rohrpost von Turbomassageduschen durch einen Wildwasserkanal drücken. Am liebsten steil hinauf.

Schnell und steil und hoch. Dieser Zustand ist zum Lebensgefühl für die Menschen in Dubai geworden. Vor gut 50 Jahren gab's im Emirat am Persischen Golf ein einziges Betonhaus. Heute bauen sie den größten Flughafen der Welt, den größten Freizeitpark der Welt, Disneyland mal acht, haben die größten künstlichen Inselensembles, von denen eines, „The World“, aus 300 im Meer aufgeschütteten Einzelinseln besteht, angeordnet wie die Kontinente auf einer Weltkarte.

 

Schneller, höher und wie weiter ?

Ja klar, in der Wirtschaftskrise heißt es zwischendurch auch hier am Golf immer wieder ein bisschen verzagt: „Schneller, höher und wie weiter?“ Ein paar Chartermaschinen mit Urlaubern aus England, Frankreich und Italien blieben aus, was soll's, Hauptsache die Deutschen hielten Dubai auch im Sparjahr 2009 die Treue, zumal die Golfhoteliers ihre Dishdashs herunterließen. Die Wüste lebt noch immer. Viele Hochhausbaustellen stehen zwar derzeit wegen der Schuldenkrise still, weitere 230 sind aber geplant.

Und das vorerst höchste der Welt ist fertig, natürlich in Rekordzeit: in fünf Jahren. Der Burj Dubai, „Turm von Dubai“, ist 818 Meter hoch und damit nicht nur eine Antennenspitze höher als der bisherige Rekordhalter in Taipei (508 Meter), sondern gleich um satte 300 Meter. Scheich Mohammed bin Rashid al-Maktoum wird den graublauen, nach oben hin immer schmaler werdenden steilen Zahn einweihen, und zwar ganz bewusst am 4. Januar 2010, dem vierten Jahrestag seiner Machtübernahme als Herrscher von Dubai.

Sicherlich wird er auch einen der prominentesten Hauptmieter des Burj Dubai begrüßen: Modeschöpfer Giorgio Armani, der in einem Großteil der unteren 39 Stockwerke sein weltweit erstes Hotel eröffnet, von ihm selbst luxuriös gestylt. Vielleicht werden die beiden Herren den Formel- 1-Lift nehmen und mit bis zu zehn Metern pro Sekunde aufwärtsrasen und dabei spüren, dass Dubais Prestigeturm leicht wankt. „Geht nicht anders“, sagt Greg Sang, der neuseeländische Bauleiter: „Je höher hinaus, desto mehr Spiel braucht ein Bauwerk.“ Die buchstäblich oberen Zehntausend in den gut 700 Luxuswohnungen werden sich dran gewöhnen. Den höchsten Ausblick jedoch wird keiner von ihnen haben, sondern die Haustechniker. Wenn sie in den obersten acht Etagen nach dem Rechten sehen, ob in den Schaltkästen der Hausantenne alles richtig funktioniert.

 

Badewannenwarmer Golf

Doch das, was da unten, rund um den Burj Dubai verglast und vergoldet in den Himmel ragt und vielversprechend „Downtown Dubai“ genannt wird, macht keine Skyline her, sondern eine kalte, schroffe und gesichtlose Megametropolis wie aus einem Perry-Rhodan-Science-Fiction-Heft. Und was bitte sollen dann ausgerechnet Eltern mit Kindern in diesem Übermorgenland mit – trotz Krise immer noch – weltweit größter Baukrandichte? In den quirligen Souks um Krummdolche oder Aladin-Schuhe feilschen? Das geht auch in Agadir. Planschen und baden an Stränden mit feinstem Sanduhrensand und Muschelkalk? Dann schon lieber Fuerteventura oder Sylt. Schön, aber da kann man nicht morgens im badewannenwarmen Wasser schnorcheln und nachmittags snowboarden. Von der See in den Schnee, kein Problem dank Ski-Dubai: also raus aus dem Open-Air-Backofen am Strand, rein in den 85 Meter hohen, 80 Meter breiten und 400 Meter langen Kühlschrank.

Bis auf Handschuhe gibt's hier alles zum Carven, Rodeln oder für eine wilde Schneeballschlacht. Draußen drücken Badeschlapfenträger im T-Shirt ihre Nasen ungläubig an die Scheiben wie an ein Aquarium, in dem die Eiszeit ausgebrochen ist. Marie und Simon fahren da drinnen mit ungebremstem Spaß, die Eltern zunächst mit leicht angezogener Spaßbremse: „Schneemann bauen in der Wüste, muss das sein?“

Vielleicht kopieren die Scheichs wie so oft nur, was sie woanders gesehen haben, in Deutschland etwa, wo solche Skihallen ja schon länger geöffnet sind – auch bei Sommerhitze übrigens. So etwas wie das Grundgesetz kopieren sie in Dubai aber nicht. Freie Wahlen, Parteien, Gewerkschaften, Meinungsfreiheit – Fehlanzeige. Stattdessen Sharia und Scheich Mohammed. Ein freilich freundlicher Feudalherrscher, der das Land Stück für Stück öffnet – nach dem Universalmotto „Geht nicht gibt's nicht.“

Und ja, auch in Sachen Religion. Besonders mit Kindern ist das gut zu besichtigen in der Jumeirah-Moschee, jeden Sonntagmorgen ab zehn Uhr vormittags: „Ich zeige Ihnen mal, warum wir Moslems so komische Verrenkungen machen und beim Beten dauernd mit der Nase auf den Teppich stoßen“, sagt Latifa Flook zu ihren etwa 80 Gästen. Die Touristen lassen sich von der schwarz gewandeten Frau einen Crashkurs in Sachen Islam, Moschee und Gebet verpassen.

Die gebürtige Britin Latifa macht das ganz ohne geifernde Burka-Grimmigkeit, sondern höchst unterhaltsam – auch für kleine Zuhörer. Sie betet vor, erklärt, warum Moslems sich dabei zuerst beide Hände an die Ohren halten – Allah erhören –, dann die Hände offen nebeneinander vor sich halten – ein Kapitel aus dem Koran aufschlagen – und möchte schließlich von den Kindern wissen, was in dem „schwarzen Riesenkasten“ in Mekka ist.

 

Mehrere Frauen? Na und?

Rätselraten. „Da drin haben die Scheichs ihre Ölfässer versteckt“, scherzt Latifa, um dann zu erklären, dass die Kaaba leer ist. Kritische Fragen von Erwachsenen allerdings lächelt sie weg wie Miriam Weichselbraun, nur dass sie statt der blonden Wasserfallfrisur ein schwarzes Kopftuch trägt: „Ein Moslem mit mehreren Frauen, na und? Was ist dabei, er muss ja alle gleich behandeln. Schenkt er einer einen Mercedes, darf's für die anderen kein Honda sein.“

Beim folgenden Outdoorausflug spielen Familienväter besser nicht Speedy Gonzales am Steuer eines Mietwagens, sondern buchen einen Trip bei ausgebildeten Wüstenfüchsen. Sami Hamad ist so einer. Er kutschiert die Gruppe raus aus der Stadt und verspricht einen Traumtag mit Desert-Dinner – man werde sehen, gleich in „Bab al Sham“. Wie Filmstars schlendern die Gäste aus dem Westen auf einem roten Teppich hinein in dieses Wüstenfort, statt klatschender Fans stehen brennende Fackeln und erste Stände mit arabischen Köstlichkeiten Spalier. Wem hier das Wort Paradies in den Sinn kommt, wird nicht enttäuscht.

Im Innenhof bereiten Köche in traditionellen, weißen Dishdash-Gewändern leckeren Fattoush-Salat zu, braten Shish tawooq – raffiniert gewürzte Häppchen vom Huhn – auf dem Grill und preisen Falafel an. Marie und Simon springen immer wieder von der langen Tafel auf, und flitzen zu einer Art Kombikurs „Arabisch und zugleich reiten lernen mit Khaled und Yassir“. Diese beiden schläfrigen Kamele sind zwar unter Anleitung des Kameltreibers schnell bestiegen, bewegen sich aber nur, wenn sie „yalla, yalla“ hören.

Ein Vokabel, das der Nachwuchs gleich mal bei seinen Eltern ausprobiert, dieses arabische „los, los“, aber schnell wieder durch höfliches „bitte, bitte“ ersetzt, wenn der Höhepunkt des Dünen-Dinners naht: eine unfassbar reiche Auswahl arabischer Desserts. „Knafa“ sieht aus wie gebratenes Sauerkraut mit Käse drunter. „Omali“ ist eine umwerfende Creme aus Honig, Pinienkernen sowie Pistazien. Nachdem kleine und große Finger eifrig genascht haben, ist klar: Die Wüste klebt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2009)