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Das Smartphone als Lebensretter

Symbolbild.
Symbolbild.(c) imago/Stefan Zeitz (stefan zeitz)
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Für Flüchtlinge dient das Smartphone als wichtige Orientierung – unterwegs und nach der Ankunft in Österreich. Seine Nutzung lässt auch Rückschlüsse darauf zu, wie neuen Technologien Lebensumstände verändern.

Mouhamad Alhassan, 26, kam 2015 als syrischer Flüchtling mithilfe seines Smartphones über die Balkanroute nach Österreich. Als die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) vor eineinhalb Jahren Praktikumsplätze für Flüchtlinge zur Verfügung stellte, meldete er sich. Seitdem arbeitet der Bachelor für Business Administration (BBA) als Forschungsassistent am Institut für Vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung, einer Kooperation von Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und ÖAW. Er suchte geeignete Interviewpartner, übersetzte in den Gesprächen, in denen andere Flüchtlinge von ihrer Smartphonenutzung berichteten, und brachte seine eigenen Erfahrungen in den Forschungsprozess ein.

Für welche Zwecke und in welchen Situationen werden die Geräte eingesetzt, wann haben sie sich als besonders wichtig erwiesen, und welche persönliche Bedeutung haben sie für die Nutzer? Mit diesen Fragestellungen führten die Forscher Interviews mit Geflüchteten. Anlass zu der Studie gaben in der Öffentlichkeit entstandene Vorbehalte, als 2015 auf vielen Bildern zu sehen war, dass Flüchtlinge Smartphones nutzen. Es wurden Gerüchte in Umlauf gebracht, nach denen Flüchtlinge von Hilfsorganisationen mit Smartphones als Luxusgegenstand ausgestattet worden seien.

 

Wichtiger als zu essen

Tatsächlich waren ihre personalisierten Smartphones auf der Flucht für viele Menschen überlebensnotwendig und blieben es auch nach der Ankunft in Wien. „Ohne Nahrung kommen wir ein oder zwei Tage aus, aber ohne Strom und ohne Smartphone wird es schwierig“, zitiert Forscherin Katja Kaufmann aus einem der Interviews. Sie kam im ersten Teil der Studie zu dem Ergebnis, dass das GPS die wichtigste Funktion ist: Geflüchtete konnten etwa bei der Überfahrt nach Griechenland GPS-Daten an die Küstenwache senden, wenn sie in Seenot gerieten. Über die Hotspotfunktion nutzten mehrere Flüchtlinge gemeinsam eine SIM-Karte. Die Möglichkeit, sich geografisch zu orientieren und Routen nachzuverfolgen, war ebenso bedeutend wie jene, Kontakt mit Eltern und Freunden in der Heimat zu halten.

Durch Facebook und Whats-App wurden Erfahrungen anderer Flüchtlinge genutzt und Freunde wiedergefunden, die man unterwegs aus den Augen verloren hatten. Viele Menschen hatten auch die wichtigsten Dokumente, wie Pässe oder Zeugnisse, digitalisiert und gespeichert. Einige berichteten, laut Kaufmann, dass es in Ungarn Situationen gegeben habe, in denen Polizisten Flüchtlinge bedroht hätten. Als die Flüchtlinge das Smartphone gehoben und signalisiert hätten, dass sie die Situation aufzeichneten, seien sie in Ruhe gelassen worden.

In einer zweiten von der Stadt Wien mitfinanzierten Erhebung wurde der Fokus auf die Nutzung der Smartphones in der Großstadt Wien gelegt. Hier gelingen die geografische Orientierung und auch die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ausschließlich mithilfe der entsprechenden Apps, da die Sprachbarrieren gerade am Anfang noch zu hoch sind. Darin sieht Kaufmann einen Unterschied zwischen der unübersichtlichen Millionenstadt Wien und kleineren Städten wie Klagenfurt. Übersetzungs- und Grammatik-Apps oder YouTube-Videos helfen bei der Verständigung. Das Internet beantwortet viele lebenspraktische Fragen; Flüchtlinge haben dazu meist nur über ihr Smartphone Zugang.

Während auf der Flucht weder Zeit noch Akku zur Verfügung standen, um Musik zu hören und Serien zu schauen, können Geflüchtete in Wien mit ihren Smartphones nun auch arabische Serien sehen, im Netz Kochrezepte austauschen bzw. abrufen, ihr religiöses Leben mit entsprechenden Gebet-Apps pflegen und so Anschluss an die eigene Kultur finden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2017)