Warum "Never catch a falling knife" nicht die dümmste aller Börsenregeln ist und kluge Anlegerjetzt besser zuwarten.
Dies sei kein Zeitpunkt für langfristige Aktien-Neuengagements, hieß es an dieser Stelle in der vorigen Woche. Das wäre schon ohne die Dubai-Pleite richtig gewesen, und es gilt jetzt umso mehr. Zwar gibt es eine Reihe optimistischer Analysten, aber ich persönlich glaube nicht, dass sich heuer eine Jahresendrallye ausgeht. Das führt zu der etwas sonderbaren Situation, dass heute in einer „Let's make money“-Kolumne mehr davon die Rede sein wird, was man jetzt nicht machen soll.
Wie geht es also weiter? Die Dubai-Geschichte hat den schon seit mehreren Wochen klar seitwärts laufenden Börsen zum Wochenschluss hin einen kräftigen Stoß versetzt, diese aber noch nicht in Sturzfluglage gebracht. Allerdings hat sie den Aktionären gezeigt, dass die Krise weiterhin unangenehm präsent ist. Und dass sie noch immer ganze Staaten – selbst solche, die bis vor Kurzem als Sinnbild für fast schon unanständigen Reichtum galten – an den Rand der Pleite führen kann.
Das wird, wie US-Prognoseguru Nouriel Roubini am Freitag sagte, die Volatilität an den Märkten stark erhöhen. Und das bedeutet, wir müssen in nächster Zeit mit starken Kursausschlägen rechnen. Das macht kurzfristige Spekulationen mit Optionen interessant. Beispielsweise mithilfe der an dieser Stelle kürzlich beschriebenen Straddles, bei denen auf fallende und steigende Kurse gleichzeitig gewettet wird und damit unabhängig von der Richtung der Kursausschläge Gewinne möglich sind – vorausgesetzt, die Kursausschläge sind stark genug.
Das ist aber kein Spiel für Anfänger, sondern sollte nur von Leuten betrieben werden, die auf dem Parkett schon halbwegs trittsicher sind.
Für gewöhnliche Anleger heißt die Devise nun: Vorsicht. Keine langfristig angelegten Neuengagements (das lässt sich im Laufe der nächsten Monate sicher billiger machen) und wirklich strikte Verlustbegrenzung. Stop-Loss-Orders werden also möglichst eng gezogen.
Dubai ist zwar nur eine von mehreren möglichen Staatspleiten, aber der Fokus der Welt ist nun einmal jetzt voller Staunen auf das Emirat gerichtet. Strikt meiden (beziehungsweise abstoßen) sollte man also Papiere von Unternehmen, die stark in Dubai engagiert sind – bei ihnen drohen Forderungsausfälle. Ebenso gefährlich sind Papiere, in denen die staatliche Investmentgesellschaft des Emirats engagiert ist. Denn es könnte passieren, dass Dubai, um flüssig zu werden, Teile seiner Beteiligungen in größerem Stil auf den Markt wirft. So etwas tut Kursen nie sonderlich gut.
Besonders kritisch wird es an den Börsen für die Aktien von Banken, die in der Wüste stark engagiert sind. Europäische Institute haben in Dubai immerhin 40Mrd. Dollar an Krediten „draußen“, in den gesamten Vereinigten Emiraten (von denen Dubai ein Teil ist) sind es 140Mrd. Dollar. Da droht im Ernstfall ein recht ordentlicher Abschreibungsbedarf.
Größer engagiert sind die britischen Banken HSBC und Standard Chartered. Bei den Schweizer Großbanken Credit Suisse und UBS sind wiederum Araber Großaktionäre. Aktien dieser Institute könnten also unter Druck kommen. Barclays und Deutsche Bank sind über den Umweg ihres Investmentbankings sehr exponiert.
Die anderen deutschen Banken und auch die österreichischen Institute sind dort weniger stark engagiert, werden an den Börsen aber natürlich mit der ganzen Branche „abgestraft“. Aufpassen muss man auch bei Industriefirmen mit starker Dubai-Connection, also etwa beim Autoproduzenten Daimler.
Die Dubai-Krise hat nicht nur Aktien unter Druck gebracht, sondern auch Rohstoffe – und Gold. Das ist ein wirklich interessantes Phänomen. Denn nach der Theorie vom „Krisenmetall“ hätte der Goldpreis ja geradezu explodieren müssen. Stattdessen ist er eingeknickt. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sich bei Gold ebenso wie bei anderen Rohstoffen eine von billigem Notenbankgeld befeuerte „Blase“ gebildet hat und der Goldpreis derzeit fundamental zu hoch ist.
Was soll man also diese Woche machen? Die einzige Antwort aus jetziger Sicht: Abwarten und guten Tee trinken. „Never catch a falling knife“ ist nicht die dümmste aller Börsenregeln. Erst wenn sich der Nebel verzogen hat und sich herausstellt, dass Dubai nur ein vorübergehender „Rumpler“ war, denken wir wieder über Neuengagements nach.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2009)