Ungarn: „Wir steuern auf einen Bürgerkrieg zu“

(c) EPA (Kosztucsak Szilard)

Das Roma-Problem wird immer explosiver. Die Kontrahenten greifen zunehmend zu Mitteln der Gewalt. Roma-Bürgerrechtler sehen Probleme in der Ghettobildung und der Langzeitarbeitslosigkeit.

BUDAPEST. Der Bürgermeister der nordostungarischen Stadt Miskolc, Sándor Káli, richtete kürzlich einen dramatischen Appell an die Öffentlichkeit: „Wache auf, Ungarn! Wenn wir nichts tun, steuern wir auf bürgerkriegsähnliche Zustände zu.“ Kális eindringlichen Worte waren eine Reaktion auf Ereignisse in der knapp 15 Kilometer von Miskolc entfernten Kleinstadt Sajóbábony.

Dort war es vor rund zwei Wochen zu einem Handgemenge zwischen Mitgliedern der Minderheit der Roma und Vertretern der Ungarischen Garde, des uniformierten Arms der rechtsradikalen Partei „Jobbik“, gekommen. Mit Eisenstangen und Holzpfählen bewaffnet hatte eine Gruppe von örtlichen Roma mehrere Dutzend Gardisten und „Jobbik“-Sympathisanten angegriffen. Die Polizei konnte noch rechtzeitig einschreiten, um Schlimmeres zu verhindern.

 

Meuchelmorde auf beiden Seiten

Das gewalttätige Auftreten der Roma in Sajóbábony war einmal mehr Wasser auf die Mühle der radikalen Rechten. So war in den zahlreichen rechtsextremen ungarischen Hetzmedien von einer „neuen Attacke der Zigeuner gegen das Ungartum“ zu lesen. Unweigerlich wurden Erinnerungen an einen brutalen Mord in der nordostungarischen Ortschaft Olaszliszka wachgerufen, der im Jahr 2006 begangen worden war.

Damals war der Lehrer Lajos Szögi vor den Augen seiner beiden Kinder von Roma zu Tode geprügelt worden, nachdem er ein Roma-Mädchen mit dem Auto angeblich angefahren hatte. Die Mörder des Lehrers wurden zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Nach den Vorfällen in Sajóbábony beschworen die rechtsradikalen Medien aber auch die Erinnerung an die Ermordung des rumänischen Handballers Marian Cozma Anfang des Jahres. Cozma wurde vor einem Vergnügungslokal in der zentralungarischen Stadt Veszprém mutmaßlich von Mitgliedern einer Roma-Bande erstochen.

Viele Roma nähren ihrerseits Rachegefühle. Die richten sich zum einen gegen jene Serie von Meuchelmorden an Roma, der insgesamt sechs Menschen zum Opfer fielen, darunter auch ein fünfjähriges Kind. Zum anderen richten sie sich gegen die rechtsradikale Partei Jobbik und ihren paramilitärischen Arm „Ungarische Garde“. Die zwei Organisationen sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich in der ungarischen Gesellschaft die Ressentiments gegen Roma zuletzt massiv verschärft haben.

 

Endlich Klartext reden

Die explosive Situation zwischen radikalen Teilen der Mehrheitsgesellschaft und der Minderheit der Roma vergleicht der Historiker Szilveszter Póczik mit einem „brennenden Haus“, das bereits halb abgefackelt wurde. Póczik betont, dass in der „Zigeuner-Frage“ endlich Klartext geredet werden müsse. Eine Politik, die der Lösung des Roma-Problems mit Glacéhandschuhen zu Leibe rücken wolle, sei nicht zielführend.

Póczik meint, dass klar und deutlich gesagt werden müsse, dass drei Viertel der Jugendlichen und mindestens die Hälfte der Erwachsenen, die derzeit in Ungarn Freiheitsstrafen abbüßen müssen, Roma seien. Der Roma-Bürgerrechtler Aladár Horváth betont, dass der einzige Weg aus der Misere über die Minderheit selbst führen müsse: „Die Roma müssen endlich daran glauben, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können.“ Horváth räumt ein, dass sich viele Roma heute „asozial“ verhielten. Dies habe aber gute Gründe: Einerseits resultiere dies aus rasanter Verelendung der Minderheit seit der Wende 1989, andererseits „im psychischen und physischen Niedergang als Folge massenhafter Langzeitarbeitslosigkeit“. Die überwiegende Mehrheit der bis zu 800.000 Roma in Ungarn hat keine Arbeit.

Ein weiteres Problem sieht der Roma-Bürgerrechtler in der Ghettobildung. Horváth bezeichnet die Ghettos als „Konzentrationslager“ und macht auf deren schädliche Auswirkungen auf die Psyche der Roma-Jugendlichen aufmerksam: „Das Selbstbild, der Seelenzustand und die Hoffnungen der Roma-Kinder, die in Ghettos aufwachsen, spiegeln die heruntergekommene, hoffnungslose und aussichtslose Welt wider, in der sie leben.“ Den Lynchmord an einem Lehrer in Olaszliszka im Jahr 2006 sieht Horváth denn auch als „brutale Form des Ghettoaufstands“. Horváth zieht den Vergleich zur Situation der Schwarzen in den USA: „Ein Fremder verirrt sich nach Harlem – und wird umgebracht.“