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Erdstöße bei Russlands Großbanken

Elvira Nabiullina, Chefin der russischen Zentralbank, räumt auf.
Elvira Nabiullina, Chefin der russischen Zentralbank, räumt auf.(c) REUTERS (SERGEI KARPUKHIN)
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Noch nie hat der russische Staat die Sparer einer Großbank mit so vielen Milliarden entschädigen müssen. Auch der Platzhirsch Sberbank hat Unsummen versenkt: auf dem Balkan.

Wien. Was bisher an Durchforstung des wild gewachsenen russischen Bankenmarktes geschah, war offenbar nur das Vorspiel. Zwar hat die Zentralbank unter ihrer smarten Chefin, Elvira Nabiullina, seit 2013 ganze 338 Geldinstitute geschlossen, weil sie nicht den geforderten Standards entsprochen hatten. Aber weil es nur die kleinen traf, war es zu keiner Erschütterung des Systems gekommen.

 

2,5 Mrd. Euro Entschädigung

Das ist jetzt anders. Denn mit Wochenbeginn hat sich die Zentralbank zum ersten Mal einen großen Player vorgeknöpft und unter staatliche Kuratel gestellt. Namentlich geht es um die Jugra-Bank. Sie gehört unter den verbliebenen etwa 550 Geldinstituten zu den Top 30 nach Bilanzsumme und zu den Top 20 nach Spareinlagen.

In Russland spricht man bereits von einer der größten Bankenpleiten der vergangenen Jahre. Jedenfalls wird die Causa zum größten Einlagensicherungsfall in der Finanzgeschichte des Landes. Die Zentralbank und die Agentur für Einlagensicherung müssten ab der letzten Juliwoche für 170 Mrd. Rubel (2,5 Mrd. Euro) an Spareinlagen in der Jugra-Bank aufkommen, so Zentralbank-Vizechef Vasily Pozdyshev. Laut Experten wird die Zentralbank dafür sogar die Notenpresse anwerfen. Der bisher größte Versicherungsfall hatte vor Jahren nur 35 Mrd. Rubel betragen.

Die Jugra-Bank gehört den Moskauer Immobilienentwicklern Juri und Alexej Chotin, wobei die Mehrheit über die Schweizer Radamant Financial AG gehalten wurde.

 

In den Sand gesetzt

Die Jugra-Bank ist freilich nicht die einzige, die dem Staat die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Auch der staatliche Platzhirsch, Sberbank, ließ soeben damit aufhorchen, dass er die Hoffnung aufgegeben habe. Und zwar, was die Rückzahlung eines Milliardenkredites aus Kroatien betrifft. Zum Hintergrund: In Kroatien ist der landesweit größte Retailkonzern Agrokor im April in die Pleite geschlittert und unter staatliche Kuratel gestellt worden. Die Sberbank ist mit 1,1 Mrd. Euro größter Gläubiger von Agrokor.

Dass die Sberbank das Geld mittlerweile für verloren und den Kredit für uneinbringbar hält, geht aus der neulich gelegten Bilanz für das erste Halbjahr hervor.

Demnach wurden im Juni um 24 Prozent mehr Rücklagen gebildet als im Mai – und zwar 33,7 Mrd. Rubel (490 Millionen Euro). In den Kommentaren zum Ergebnis wird dieser Anstieg mit einer hundertprozentigen Deckung des Kredites an einen „großen Kreditnehmer – einen internationalen Retailer“ erklärt. Dass es sich dabei um Agrokor handelt, haben sowohl diverse Analysten als auch ein Topmanager der Sberbank gegenüber der Zeitung „Wedomosti“ bestätigt. Noch im Mai war der Agrokor-Kredit nur zu 50 Prozent mit Rücklagen gedeckt gewesen.

 

Gewinnreiches Halbjahr

Agrokor gilt in Kroatien als systemrelevant. Der Konzern beschäftigt 60.000 Mitarbeiter in den Handelsketten Konzum und Mercator, davon je etwa 10.000 in Slowenien und Serbien. Agrokors Schulden werden mit 5,4 Mrd. Euro beziffert, ein kleiner Teil davon ist bei österreichischen Banken ausständig.

Die anhaltende geschäftliche Erholung der Sberbank nach den Rezessionsjahren wurde durch das Kroatien-Exposure jedenfalls nicht unterminiert. Der Gewinn im ersten Halbjahr beläuft sich auf 317 Mrd. Rubel – um 38,2 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2016. Insgesamt habe der russische Bankensektor im ersten Halbjahr 770 Mrd. Rubel verdient, so Zentralbank-Chefin Nabiullina gestern. Das ist mehr als doppelt so viel wie im ersten Halbjahr 2016.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2017)