Unter freiem Himmel

Zwar kommt in Vorarlbergs Landschaftsarchitektur immer öfter die heimische Szene zum Zug, doch bei Prestigeprojekten vertraut man mehrheitlich (derzeit noch?) den Stars aus dem benachbarten Ausland. Notizen zur Ausstellung „Landschaftsräume“ im Vorarlberger Architekturinstitut.

Auf Vorarlberg sind wir Österreicher in Sachen Architektur bekanntlich stolz. Ein einzelnes Bundesland, noch dazu ohne eigene universitäre Architekturfakultät, hat ein hochwertiges Architekturschaffen mit unverkennbarem Stil etabliert. Einem Stil, der selbst in der schier unüberschaubaren internationalen Architekturproduktion einzigartig bleibt. Der Tradition gleichermaßen wie dem Visionären verpflichtet, wird mit dem Anspruch des Alltäglichen auf einem Niveau geplant, das in vergleichbarer Ausdauer bisher kein anderes österreichisches Bundesland durchgehalten hat. Ein reger und selbstkritischer Fachdiskurs prägt diese Architekturszene bereits seit Jahrzehnten und begleitet nach wie vor alles, was Vorarlbergs Architekturschaffende hervorbringen. Die ausgeprägte Diskussions- und Vermittlungskultur kann mit als Grund für die bemerkenswerte Architekturentwicklung dieses Bundeslandes gewertet werden.

Vor diesem Hintergrund mutet es überraschend an, dass im sonst so debattierfreudigen Ländle bislang nur wenig über einen weiteren wichtigen Tätigkeitsbereich der baukulturellen Produktion diskutiert wurde, nämlich über die Landschaftsarchitektur Vorarlbergs. Dieser liegt eine fachliche Entwicklung abseits der selbstbewusst und eigenständig agierenden „Vorarlberger Baukünstler“ zugrunde. Das Ergebnis ist weniger experimentell und visionär als die Vorzeigearchitektur, dennoch stets ordentlich und solide. Und im Ausdruck lässt sich das Realisierte im Außenbereich im Großen und Ganzen ähnlich beschreiben wie das der anerkannten Architekturproduktion: zurückhaltende Schlichtheit, Funktionalität und Traditionsverbundenheit in Form und Materialwahl sowie viel Aufmerksamkeit auf Handwerk und Ausführung.

Für den erwähnten architektonischen Fachdiskurs ist bereits zwei Jahrzehnte lang das Vorarlberger Architektur Institut, kurz VAI, hauptverantwortlich. Mit Verena Konrad, die das Haus seit 2013 leitet, zog ein erweitertes Verständnis von Architektur als Lebensraumgestaltung in die Ausstellungswelten des Institutes ein. Es überrascht daher kaum, dass nun gerade das VAI, als erstes Architekturhaus Österreichs, eine der zentralen lebensraumgestaltenden Disziplinen aufgreift und die „Zeitgenössische Landschaftsarchitektur in Vorarlberg“ in einer soeben eröffneten Schau der „Landschaftsräume“ thematisiert.

Konrad hat diese gemeinsam mit Lilli Lička, Landschaftsarchitektin, Professorin und Mitbegründerin des Büros Koselička, kuratiert. Lička war selbst schon des Öfteren im Ländle tätig, etwa mit der wunderbar zeitlosen Dorfplatzgestaltung in Bezau (2008). „Landschaftsarchitektur ist kulturelle Produktion. Sie bildet wie kaum eine andere Disziplin gesellschaftliche Prozesse ab. Gesellschaftliche Transformationen spiegeln sich in den Räumen wie in den Ansprüchen an Freiraum und Landschaft wider“, so Lička. In Vorarlberg wird sehr gewissenhaft mit dieser gesellschaftlichen Verantwortung umgegangen. Langwierige Planungsprozesse in öffentlichen Räumen, wie jene des Bregenzer Kornmarktes, der nach jahrelanger interdisziplinärer Bearbeitung 2013 fertiggestellt wurde, beweisen, dass man es sich nicht leicht machen möchte. Lička sieht eine merkliche Steigerung der fachlichen Auseinandersetzung und der öffentlichen Wahrnehmung des gestalteten Freiraumes. Folglich tritt Landschaftsarchitektur als kulturelle Disziplin zunehmend in Erscheinung.

Und das durchaus zu Recht, denn das Vorarlberger Landschaftsarchitektur-Geschehen ist vielseitig. Es planen zahlreiche lokale Büros, die größtenteils auch in der VAI Ausstellung zu sehen sind. Neuerdings sind aber vermehrt auch Landschaftsarchitekturbüros aus dem Rest-Österreich in Vorarlberg tätig. Eine Marktöffnung, die wohl bemerkenswerter ist als jene ins benachbarte Ausland. Denn aufgrund der kulturräumlichen Nähe, die sich auch offensichtlich in der formalen Gestaltung des Freiraumes ausdrückt, stellt Vorarlberg seit jeher einen interessanten Markt für Landschaftsarchitektinnen und -architekten aus der Schweiz und aus Deutschland dar. Insbesondere dann, wenn auf große Namen gesetzt werden soll, beauftragt man angesehene Planer aus den Nachbarländern. Länder, die in ihrer langen landschaftsarchitektonischen Tradition mit einer Reihe an renommierten Büros glänzen.

So wurde etwa bei der Planung des erwähnten Bregenzer Kornmarktes oder auch des Vorplatzes zum Bregenzer Festspielhaus auf die Erfahrung und den guten Ruf der Schweizer Vogt Landschaftsarchitekten gesetzt. Den Stadtgarten Dornbirn legte man in die erfahrenen Hände des deutschen Büros Rotzler Krebs Partner (heute Krebs und Herde). Es scheint fast, als möchte man Prestigeprojekte den heimischen Landschaftsarchitekturbüros noch nicht so recht zutrauen. Dabei wäre gerade die Aufmerksamkeit, die mit solchen Vorzeigeprojekten einhergeht, ein willkommener Auftrieb für die heimische Szene. Doch auch abseits von Touristen-Hotspots findet bereits viel gute, wenn auch vielleicht weniger prominente, Landschaftsarchitektur statt. Das VAI in Dornbirn legt nun in seiner aktuellen Schau einige dieser Projekte frei.

Apropos VAI: Die Leitung eines Architekturhauses einer Kunst- oder Kulturtheoretikerin anzuvertrauen hat sich in Dornbirn ebenso wie in Wien als kluge Besetzung erwiesen. Verena Konrad setzt sich über das Präsentieren bloßer Architekturschauen hinweg und zeigt in ihrem Wirkungsbereich, was Lebensraumgestaltung alles bedeuten kann. Es ist davon auszugehen, dass sie als soeben berufene Kommissärin den Österreich-Pavillon im Rahmen der nächsten Architekturbiennale in Venedig wohl auch mit dieser inklusiven Herangehensweise bespielen und das Bild einer modernen österreichischen Baukultur in Europa prägen wird. Denn interpretiert man Konrads VAI Programmierung richtig, scheint sie zu erkennen, dass ein Großteil unseres Lebens draußen unter freiem Himmel stattfindet und Lebensräume nicht an der königsdisziplinär geplanten Gebäudekante enden. Spannend wäre daher zu überlegen, was nach der Hoffmann'schen Gebäudekante des Österreich-Pavillons unter dem freien Himmel Venedigs passieren könnte. Hoffentlich gute Landschaftsarchitektur, vielleicht sogar aus Vorarlberg. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2017)