Kauffrust statt Investitionslust

Die Übernahme der Schweizer Syngenta durch Chemchina um 44 Mrd. Dollar war einer der größten Deals im vergangenen Jahr.
Die Übernahme der Schweizer Syngenta durch Chemchina um 44 Mrd. Dollar war einer der größten Deals im vergangenen Jahr.(c) REUTERS (ARND WIEGMANN)
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Im Vorjahr brachen die ausländischen Investitionen in Europa deutlich ein. Vor allem die USA ließen aus. Heuer halten sich die Chinesen bei Investitionen stark zurück.

Wien. Die Chinesen kommen: Während Touristiker in aller Welt überwiegend über die wachsende Reiselust des Milliardenvolkes jubeln, sind die Reaktionen von Wirtschaftspolitikern und Industriellen durchwachsen. Erst vor Kurzem hat die deutsche Regierung eine Verordnung verabschiedet, mit der dem Ausverkauf strategisch wichtiger Unternehmen ins Ausland ein Riegel vorgeschoben werden kann. Auslöser dafür war die Übernahme des Roboterherstellers Kuka durch den chinesischen Haushaltswarenhersteller Midea.

In der Tat haben chinesische Direktinvestitionen im Vorjahr weltweit den Rekordwert von 183 Mrd. Dollar erreicht, was ein Plus von 44 Prozent ist. Allein nach Europa flossen 85,83 Mrd. Euro, wobei der überwiegende Teil des Geldes (73 Mrd. Dollar) im ersten Halbjahr ausgegeben worden ist.

Heuer, so könnte man meinen, sollte sich dieser Trend angesichts der florierenden Weltwirtschaft fortsetzen. Das scheint jedoch weit gefehlt, wie aus der aktuellen Analyse des Beratungsunternehmens EY hervorgeht: 26,3 Mrd. Dollar an chinesischen Investitionen in Europa im ersten Halbjahr 2017 sind zwar nach wie vor ein veritabler Wert – es ist aber nur knapp ein Drittel des Wertes des Vorjahreszeitraums. Die EY-Experten gehen deshalb auch für das Gesamtjahr 2017 von keinem Rekord aus. Dafür nennen sie zwei Gründe: Zum einen werden – siehe Kuka – Offerte aus China kritisch beäugt, weil ein Abfluss wichtiger Technologien befürchtet wird. Zum anderen versucht Peking selbst durch verschärfte Kontrollen die Kapitalflucht ins Ausland zu bremsen.

Kauffrust statt Investitionslust: Diese Entwicklung scheint aber nicht auf China beschränkt zu sein. In anderen Ländern hat der Rückgang von Auslandsinvestitionen schon im Vorjahr eingesetzt – wobei allerdings andere Ursachen dahinterstecken dürften: Laut einer ersten Schätzung des EU-Statistikamts Eurostat sind die Auslandsinvestitionen der EU im Rest der Welt im Vorjahr um 68 Prozent auf 186 Mrd. Euro gesunken. Auch die Geldflüsse in die EU nahmen ab, mit 41 Prozent (auf 280 Mrd. Dollar) fiel die Entwicklung allerdings nicht so drastisch aus.

Überdurchschnittlich stark fiel die Investitionstätigkeit der USA in der EU, und zwar um 76 Prozent auf 54 Mrd. Dollar. Dennoch blieben die Vereinigten Staaten der zweitgrößte Investor, übertroffen nur von der Schweiz mit 55 Mrd. Dollar, heißt es bei Eurostat. Interessant ist allerdings, dass die Brüsseler Statistiker China gar nicht erwähnen.

Aber auch die Europäer hielten sich in den USA zurück, sie steckten um 94 Mrd. Dollar weniger in US-Firmen, während im Jahr 2015 ihr Engagement in den USA um 352 Mrd. Dollar zunahm.

Trump-Effekt erst heuer

„Der Trump-Effekt kann es nicht gewesen sein, da hätten europäische Unternehmen den Ausgang der US-Wahl, die erst im November stattfand, antizipieren müssen“, sagt Christian Glocker vom Wivo zur „Presse“. Der auf Makroökonomie spezialisierte Volkswirt glaubt vielmehr, dass der Grund just die gute Konjunktur dies- und jenseits des Atlantiks ist. „Wenn die Wirtschaft im eigenen Land beziehungsweise im eigenen Kontinent gut läuft, überzeugt das die Firmen vor der Haustüre zu expandieren.“

Auch in den USA habe sich die Wirtschaft im Vorjahr – mit wenigen Dellen – als robust erwiesen. Der riesige Binnenmarkt biete an sich genügend Möglichkeiten. Bei Überlegungen zu Auslandsengagements spielten auch Zölle und andere Beschränkungen eine Rolle.

Generell mahnt Glocker bei den statistischen Daten zur Vorsicht: Zum einen würden sie erfahrungsgemäß nachträglich oft revidiert – und dann schrumpften die Rückgänge stark. Zum anderen bildeten Direktinvestitionen nur einen Teil der gesamten Zahlungsströme ab: dazu gehörten nämlich auch Investitionen in Anleihen, Aktien und auch die Vergabe von Krediten. „Wenn nun von einem Rückgang der Direktinvestitionen die Rede ist, heißt das nicht zwingend, dass weniger Geld rund um die Welt fließt“, sagt Glocker.

„Wirklich spannend wird es heuer“, verweist er auf die „America first“-Kampagne des US-Präsidenten. Wenn Trump mit seinen Ankündigungen und Drohungen Ernst mache, dass US-Unternehmen, die im Ausland investieren, bestraft würden, dann müssten die Geldflüsse aus den USA in der Tat massiv sinken.

IN ZAHLEN

Die Auslandsinvestitionen in die EU sind im Vorjahr laut einer ersten Eurostat-Schätzung um 41 Prozent auf 280 Mrd. Euro zurückgegangen. Die Schweiz hat als Auslandsinvestor in die EU mit 55 Mrd. Euro die USA (54 Mrd. Euro) knapp überholt. Eine EY-Studie zeigt wiederum, dass chinesische Firmen heuer in der EU viel weniger investieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2017)

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