Obamas Afghanistan-Abenteuer

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Obama(c) REUTERS (Jim Young)
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Mit rund 34.000 zusätzlichen amerikanischen Soldaten will der US-Präsident den Widerstand der Taliban brechen. Bis Ende des nächsten Jahres werden mehr als 100.000 US-Soldaten in Afghanistan stationiert sein.

WASHINGTON. Die Militärakademie West Point, auf einem Felsplateau hoch über dem Hudson River im Bundesstaat New York gelegen, ist die Kaderschmiede der US-Armee. Hier hat George W. Bush seine Doktrin vom „präemptiven Militärschlag“ postuliert, hier haben die Generäle David Petraeus und Stanley McChrystal – die Strategen der Offensive im Irak und in Afghanistan – ihre Ausbildung absolviert. Und Historiker werden diesen Ort künftig womöglich mit der folgenschwersten Entscheidung der Präsidentschaft Barack Obamas verbinden.

Der US-Präsident hat West Point ausgewählt, um in der Nacht zum Mittwoch die Ausweitung des Afghanistan-Krieges zu verkünden, der mittlerweile fast so lange währt wie der Vietnam-Krieg – der längste Konflikt in der US-Geschichte. 30.000 bis 35.000 Soldaten werden die USA im kommenden Jahr an den Hindukusch verlegen, vor allem in den Süden und Osten des Landes. Die neuen Kräfte sollen Besserung an allen Fronten bringen: Sie sollen helfen, die Städte zu sichern, mit der Zivilbevölkerung und den Stämmen zu kooperieren und die Taliban und al-Qaida zu bekämpfen.

Dass er mit seiner Politik ein Wagnis, wenn nicht gar ein Abenteuer eingeht, ist Obama selbst nur allzu bewusst. „Wir wollen den Job zu Ende bringen“, sagte er. „Wir werden hier aber nicht auf unbegrenzte Zeit bleiben.“ Ein Abzugsdatum ließ er indes offen. Militärkreise rechnen mit einem Rückzug in sieben oder acht Jahren. Washington will sich auf Kernaufgaben konzentrieren und ist vom Konzept des Aufbaus einer Zivilgesellschaft abgerückt.

Bis Ende des nächsten Jahres werden mehr als 100.000 US-Soldaten in Afghanistan stationiert sein. Zusätzlich sollen die Nato-Alliierten noch einmal 5000 Soldaten bereitstellen. Dies entspräche jenen rund 40.000 Mann, die der Oberkommandierende McChrystal als Kriterium für einen Erfolg angefordert hat. Ähnlich wie vor drei Jahren im Irak soll die Aufstockung des US-Kontingents im kommenden Jahr die Wende einleiten und den wachsenden Widerstand der Taliban brechen.

Briefings mit Partnern

In den vergangenen beiden Tagen hat der US-Präsident nicht nur US-Politiker eingehend über seine Pläne informiert, sondern auch ausländische Staats- und Regierungschefs – darunter auch Afghanistans Präsident Hamid Karzai, der unter massivem Druck Washingtons steht. Das Weiße Haus verlangt von den Nato-Alliierten und vor allem von der Regierung in Kabul einen stärkeren Einsatz.

Im Zuge einer umfassenden Afghanistan-Pakistan-Strategie hat der Präsident erst im Frühjahr eine Erhöhung der US-Truppen um 21.000 Soldaten beschlossen. Es sei seine bisher schwierigste Entscheidung gewesen, erklärte er hinterher. Drei Monate hat Barack Obama über seinen neuen Plan gebrütet und Kriegsrat mit seinen Spitzenmilitärs und dem Küchenkabinett gehalten.

Galt Bush als Bauchmensch, so ist Obama ganz Kopfmensch, durchdrungen von einer akademischen Denkschule. Die Republikaner kritisierten sein Zaudern, Ex-Vizepräsident Dick Cheney schleuderte ihm den Vorwurf der Schwäche entgegen.

Skeptiker haben Obama in den vergangenen Wochen mit düsteren Zahlen konfrontiert. 40.000 Soldaten würden wegen der schwierigen Topografie des Landes nicht ausreichen. Und sie haben ihm die Kosten vorgerechnet, die zu Buche schlagen: eine Million Dollar pro US-Soldat im Jahr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2009)

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