Gastkommentar

Mit einem Kompass durchs Zeitalter der Komplexität

Die Welt von morgen verlangt mehr als Sachkompetenz und emotionale Intelligenz. Neue Fertigkeiten sind gefragt.

So ein Wahlkampf hat auch ein bisschen etwas von einem Marktplatz. Nur werden eben nicht Waren angepriesen, sondern wahlwerbende Gruppen. Und nicht die Markstandlerin wendet sich an die Kund-/Wählerschaft, sondern Positionspapiere, Programme und Kriterienkataloge laden ein, das attraktivste Angebot für sich herauszufinden.

Hinter Kaufentscheidungen stecken Bedürfnisse. Und hinter Wahlentscheidungen steckt (neben Fragen der Sympathie/Antipathie) die Erwartungshaltung, dass die erwählte Gruppe die besten Antworten auf die zentralen aktuellen Problemstellungen parat hat.

Diese Themen entwickeln sich aber vor einem gänzlich anderen Hintergrund als in Wahlgängen früherer Jahre. Es ist im Bewusstsein der Menschen angekommen, dass für die prägenden Problemstellungen stets mehrere miteinander vernetzte Einzelprozesse verantwortlich sind. Das ist beim Klimawandel so, bei der (hoffentlich) hinter uns liegenden Wirtschaftskrise, und auch beim Thema der Migration: Viele Verursacher, viele Einflussfaktoren, die einander hemmen, beschleunigen, auslöschen oder auch vernachlässigbar sein können.

 

Auflösung des Lagerdenkens

Zu Recht vom „Zeitalter der Komplexität“ sprechen daher die Wissenschaftler Andrew Sheng und Xiao Geng in einem Beitrag auf der Plattform „Project Syndicate“ und meinen, dass nach den Naturwissenschaften auch die Wirtschaftswissenschaften und vor allem die Politik in diesem Zeitalter ankommen müssen.

Simple Ansätze nach dem Prinzip „Ursache – Wirkung“, unterfüttert von Ideologie oder Tradition, müssen umfassenden, systemischen Lösungsansätzen weichen, die auch der Komplexität der Problemstellungen gerecht werden können. Nichts anderes wird umschrieben, wenn von der Auflösung des Lagerdenkens gesprochen wird.

Was sind die Schlüsselfragen für die Menschen? Es sind zwei Seiten derselben Medaille: Einerseits trauen die Menschen den etablierten politischen Lagern immer weniger zu, mit ihren ideologiebehafteten Patentrezepten für die drängenden komplexen Fragen gerüstet zu sein. Zum anderen treten im öffentlichen Interesse eben diese Sachthemen in den Hintergrund und die eigentlichen Grundbedürfnisse rücken ins Zentrum.

Zwischenergebnisse eines breit angelegten EU-Forschungsprojekts (CIMULACT) liefern dazu interessante Einblicke. 29 wissenschaftliche Institutionen (unter ihnen das Institut für Technikfolgenabschätzung der Akademie der Wissenschaft) involvierten tausende EU-Bürgerinnen und Bürger in einem partizipativen Prozess und erhoben dann, auf welche Anliegen Antworten der Wissenschaft erwartet und welche Kompetenzen der Politik damit gefordert werden.

In der überwiegenden Mehrzahl der EU–Länder erwarten sich die Menschen vor allem Antworten auf die Frage, wie denn das Wirtschaftssystem langfristig aufrecht erhalten werden kann. Gefragt sind belastbare, ideologiebefreite Konzepte, die mit dem seit Jahren als Paradebeispiel der Komplexität erlebten Wirtschaftssystem umgehen können.

Nicht nur das Zusammenspiel der Verursacher und Heilsbringer der im Abflauen begriffenen Wirtschaftskrise ist dafür verantwortlich, sondern auch die Gewissheit, dass die Arbeitswelt in einem massiven Umbau begriffen ist. Was bedeuten Trends wie „Industrie 4.0“ und die damit verbundene verstärkte Automatisierung für den Arbeitsmarkt? Wo ist Platz für die Menschen in einer zukünftigen globalisierten und zunehmend digitalisierten Wirtschaft?

Das ist die Hauptfrage, auf welche sich die Menschen in Europa Antworten von der Wissenschaft und letztlich der Politik erwarten.

 

Gleichberechtigte Partizipation

Auch der zweite große Problemkreis an Herausforderungen, zu denen glaubwürdige Konzepte dringend gefragt sind, geht auf eine ähnliche Gemengelage zurück. Hier steht die Frage im Mittelpunkt, wie eine gleichberechtigte Teilhabe („Equality“) der Menschen an zentralen gesellschaftlichen Prozessen sichergestellt werden kann.

Als eines von nur sechs europäischen Ländern räumt Österreich (so die CIMULACT-Befunde) diesem Anliegen die höchste Priorität ein. Wie kann es gelingen, flexible Berufsbilder und Arbeitszeitmodelle mit einer gesicherten Einkommensbasis und der nötigen sozialen Absicherung zu kombinieren? So lautet etwa eines der Hauptanliegen. Das ist auch sehr gut nachvollziehbar, hält man sich vor Augen, dass junge Menschen Ausbildung, Berufserfahrung und Familienleben vielfach gleichzeitig leben (müssen) und der Begriff einer „Work-Life Balance“ gleichsam einem Amalgam aus allen Lebenskomponenten weicht. Oder dass, wie es jüngst der „Spiegel“ formulierte, „viele Menschen gar keine Erwerbsbiografie mehr haben – ihr Leben von Brüchen und Neuanfängen durchzogen ist“?

 

Wie ist das mit Lebensplanung?

Lebensplanung – eine im „Zeitalter der Komplexität“ wahrlich übergroße Herausforderung. Oder ist dieses Planungsbedürfnis etwas, das gar nicht mehr zu diesem Zeitalter passt – das wie ein Hemmschuh dabei stört, in der schönen neue Amalgamwelt sein momentanes „Lebensabschnittsplatzerl“ zu finden?

Die Welt von morgen verlangt mehr als Sachkompetenz und emotionale Intelligenz. Ohne Wissen um die richtigen Netzwerke und um die spezifischen digitalen Kommunikationsformen – als Schlüssel zu diesen – wird der gescheiteste junge Mensch schwer Tritt fassen. Hier ist Unterstützung gefragt, damit ein Karriereschritt oder ein – zunehmend rares – Anstellungsverhältnis nicht daran scheitert, die richtige Person nicht zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Netzwerk wohl dosiert kontaktiert zu haben.

Vielleicht wäre aber statt der über Facebook und Instagram geteilten Tweets und Retweets ein schlichtes Gespräch bei einem Kaffee gescheiter gewesen? Neue Fertigkeiten sind gefragt.

Die Vielfalt der Medien und Kommunikationsformen einerseits und der Gegensatz zwischen Ballungszentren und ländlichem Raum andererseits bergen die Gefahr, dass nur Bevorzugte Zugang, sei er nun physisch oder digital, zu den essenziellen Netzwerken und Plattformen erhalten. Wie kann hier gleichberechtigter Zugang ermöglicht werden?

 

Wunsch nach Orientierung

Das Zeitalter der Komplexität schafft den dringenden Wunsch nach Orientierung – nach dem Wunsch, die eigenen neuen Entscheidungsspielräume zu kennen und zu wissen, welche Kompetenzen notwendig sind, um den richtigen Zeitpunkt für die richtige Entscheidung zu erkennen.

Wo kann mein Platz sein, wie kann ich ihn gestalten und wie komme ich dorthin? Auf Schlüsselfragen wie diese werden nicht nur von den Forschungsprojekten der nächsten Jahre, sondern vor allem von politischen Programmen schlüssige Antworten erwartet.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Thomas Jakl (geboren 1965) ist Biologe und Erdwissenschaftler.
Er arbeitete bis 1991 an der Uni Wien, wechselte dann ins Umweltministerium. Heute leitet er im Landwirtschaftsministerium die Abteilung Chemiepolitik, Risikobewertung und Risikomanagement. Er ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Umweltbundesamtes und war Vorsitzender des Verwaltungsrates der EU-Chemikalienagentur. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2017)