Jugendstudie: Kurz revolutionär, Kern reflektiert

EU-HAUPTAUSSCHUSS DES NATIONALRATES: KERN / KURZ
Kurz und KernAPA/HERBERT NEUBAUER

Slim-fit und postmodern: Eine Studie beleuchtet, wie die jungen Wähler von heute Christian Kern und Sebastian Kurz sehen. Sie haben dabei eine recht eindeutige Präferenz.

Die Jugendlichen von heute haben politisch eine „liberal-etatistische Gesinnung“. Was wie ein Widerspruch klingt, ist es auch. Junge Menschen wollen zum Beispiel eine Sonntagsöffnung der Geschäfte, befürworten aber gleichzeitig starke sozialpartnerschaftliche Institutionen. „Maximale Autonomie bei gleichzeitig stark reduziertem persönlichen Risiko“, nennt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier das.

Sein Jugendforschungsinstitut T-Factory hat 400 Österreicherinnen und Österreicher zwischen 16 und 24 Jahren (repräsentativ nach Alter, Geschlecht und Bildung) zwischen 1. Juni und 17. Juni befragt – über Politik im Allgemeinen und zur Nationalratswahl 2017 im Speziellen. Ein Sample von 400 ist grundsätzlich nicht sehr groß, auf eine spezielle Zielgruppe bezogen allerdings ist es durchaus brauchbar und aussagekräftig, sagen auch andere Meinungsforscher. Die Schlüsse, die Bernhard Heinzlmaier in seiner Studie daraus zieht, sind jedenfalls lesenswert.

Sehr wichtig für die Jungen der Gegenwart ist beispielsweise die Körperkultur. Alles, was nicht rank und schlank ist, gilt als behäbig und nicht erfolgstauglich. Mit einem Wort: Slim-fit muss es sein. Und damit wären wir auch schon beim eigentlichen Thema: Christian Kern und Sebastian Kurz.

Weder Charismatiker noch Populist

Beide sind laut Heinzlmaier postmodern. „Kern ist kein Manager, er spielt einen Manager. Und Kurz ist kein Politiker, er spielt eine politische Rolle.“ Beide seien Inszenierungsprofis. Weder Charismatiker (dieser hat eine Sendungsidee und eine überzeugte Gefolgschaft) noch Populist (dieser erzeugt ein Spektakel mit schwärmerisch-manipulativen Ideen). Und beide sind sehr kontrolliert. „Wenn sie einmal emotional erscheinen, dann deshalb, weil es im Drehbuch steht.“ Der eine sei die ältere Ausgabe des anderen und umgekehrt.

Allerdings haben die jungen Wähler eine eindeutige Präferenz – und die heißt Sebastian Kurz. Er stehe für Aufbruch und Modernität – im Gegensatz zum bewahrenden Kern. Und das komme bei den Jungen an. Ein weiteres Asset sei seine Jugend an sich. „Das postmoderne Oxymoron lautet: Stabilität durch Veränderung: Diese Zuschreibung wird auf Kurz eher projiziert als auf Kern.“

Kurz erscheint den Jungen durchsetzungsfähiger, er wirke revolutionär. „Im Gegensatz zum nachdenklichen, reflektierten, vernünftigen, abgeklärten Kern.“ Mit diesem kaufe man nicht die Katze im Sack, „Kurz hingegen ist alles oder nichts, er ist Risiko pur.“ Kurz räume auf, Kern baue sensibel um. Kern erscheine stark – zu stark – an die SPÖ gebunden. Kurz hingegen trete aus dem Kollektiv (seiner Partei) heraus und habe das Kollektiv diszipliniert.

Sebastian Kurz punktet vor allem bei jungen Frauen, er dominiert hier in allen Imageausprägungen. Auch weil, wie Heinzlmaier pointiert hinzufügt, „extravagante Rulebreaker augenblicklich nicht mehrheitstauglich sind“.

Kern Antithese zu Trump

Kern wiederum flirte höchst erfolgreich mit den jungen Bildungsschichten. 45 Prozent der Hochgebildeten würden ihn glaubwürdig finden, bei Kurz seien es nur 25 Prozent. Insbesondere die Geschichte seines sozialen Aufstiegs verfange hier sehr gut. „Hinzu kommt sein Lebensstil. Christian Kern ist der Meister der subtilen ästhetischen Abgrenzung. Das Gegenbild zum neureichen Protz-Trump.“

Der Bundeskanzler sei ein Exponent der traditionellen programmatischen Politik (Plan A, 7-Punkte-Plan zur Flüchtlingskrise). Der Außenminister wiederum bringe lieber opulente Sprachbilder in Umlauf. „Kern ist die Vernunft, Kurz die Emotion.“

Heinzlmaier kommt zum Schluss: „Wenn Kern sich nicht erheben kann über die Banalität des Alltags und die enge Notwendigkeit des Realen, wird er Kurz die Jugend nicht entreißen können.“

Bleibt also die alles entscheidende Frage: Denkt die Bevölkerung in ihrer Mehrheit auch so wie die 16- bis 24-Jährigen – oder gibt es da einen Generation-Gap?


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2017)