Erich Hackl: Die besten Jahre

Anschaulich, offenherzig. Franz Marek und Vilma Steindling: Lebensgeschichten zweier österreichischer Widerstandskämpfer und Kommunisten.

Es ist ein seltener Glücksfall, dass gleichzeitig zwei Bücher über österreichische Widerstandskämpfererschienen sind, deren Lebenslinien sich immer wieder berührt haben: weil beide als Kinder armer Juden unter vielerlei Entbehrungen in Wien aufgewachsen sind; weil sie den Mut aufgebracht haben, im besetzten Frankreich für ein freiesÖsterreich zu kämpfen, dabei verhaftet wurden und die Mordmaschinerie der Nazis wider alle Wahrscheinlichkeit überlebt haben; weil sie Kommunisten waren und als solche trotz aller Irrtümer und Widersprüche mehr Beachtung verdienen als ihre politischen Gegner; weil sie nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im Zuge der sogenannten Normalisierung von der KPÖ verstoßen wurden; weil sie weitgehend vergessen sind, aber nicht vergessen bleiben dürfen: Vilma Steindling, geborene Geiringer (1919–1989), und Franz Marek (1913–1979), der eigentlichEphraim Feuerlicht hieß.

Auch das ist als Glücksfall zu werten: dass sowohl in die Steindling-Biografie als auch inden Band mit Mareks Schriften viele Recherchen eingeflossen sind, deren Ergebnisse auch die Unterschiede – an Erfahrung, Temperament, Gewissenhaftigkeit – erkennen lassen. Steindlings Lebensgeschichte haben mit ihrer jüngeren Tochter Ruth und der Schriftstellerin Claudia Erdheim zwei Frauender nachfolgenden Generation verfasst, die über den antifaschistischen Widerstand von klein auf Bescheid wussten. Das Buch ist schwungvoll geschrieben, lesbar selbst für Leute, die in der Zeitgeschichte nicht bewandert sind, sprachlich unauffällig, bisweilen redundant, in der Offenherzigkeit mancher Mitteilungen vermutlich verstörend. Es nimmt das Private ebenso wichtig wie das Politische und räumt den seelischen Nachwirkungen der KZ-Haft, auch auf die Kinder und Enkelkinder, breiten Raum ein. Dabei konnten sich die Autorinnen auf Gespräche stützen, die die Psychoanalytikerin Elisabeth Brainin 1981 mit Vilma Steindling und ihren Töchtern geführt hatte.

Als Beleg für die weitverbreitete These, dass der antifaschistische Widerstand sich, gemessen am geringen Widerhall, gar nicht gelohnt habe, eignet sich die Biografie wohl nicht – zu stark ist das Bild der jungen, früh verwaisten Vilma, die aus Not den ungeliebten Beruf der Modistin erlernen muss und sich schon früh gegen den Faschismus stellt. Zu innig die Schilderung ihrer ersten großen Liebe, zum Kürschnermeister Arthur Kreindler, der in Dachau umkommen wird. Zu lebendig die Darstellung der von Marek, dann von der Spanienkämpferin Lisa Gavrić organisierten „Mädelarbeit“, bei der Vilma in Paris den Kontakt zu Wehrmachtssoldaten sucht, um sie zum Widerstand zu bewegen. Zu eindringlich der Bericht über ihr Dasein in Ravensbrück und Auschwitz, wo sie dreimal zur Selektion bestimmt war und jedesmal von ihrer Leidensgefährtin Mala Zimetbaum gerettet wurde. Zu turbulent die Chronik ihres Lebens nach der Befreiung, ihrer Mutterschaft, ihres Berufs als Fürsorgerin, ihrer unglücklichen Ehe mit einem Haustyrannen, ihrer Schwierigkeiten, mit dem Erlebten fertigzuwerden.

 

Jeder Tag ein gewonnener Tag

Maximilian Graf und Sarah Knoll gehören schon der Enkel-, wenn nicht der Urenkelgeneration an und beschäftigen sich, als Historiker, in erster Linie aus wissenschaftlichem Interesse mit Franz Marek: weil er sichvom Chefideologen einer stalinistischen Partei zum Proponenten des Reformkommunismus gewandelt, dabei nach einem gangbaren Weg zum Sozialismus, jenseits des sowjetischen Modells, gesucht hat. Seine unvollendeten, bisher nur auszugsweise veröffentlichten Erinnerungen bilden das Kernstück der in inflationärem Ausmaß mit Fußnoten bestückten Ausgabe. Dazu kommen zwölf Aufsätze und Reden, die zwischen 1956 und 1968 entstanden sind und seine allmähliche Abkehr vom „Stalin-Mythos“ dokumentieren.

Es ist unvermeidlich, dass die „Biografische Skizze“, die den Auswahlband eröffnet, sein Privatleben weitgehend ausspart: Marekhatte die längste Zeit gar keines. Das Germanistikstudium hat er sich durch Nachhilfestunden und als Ghostwriter mehrerer Dissertanten finanziert, die Jahre von 1934 bis 1944, rekordverdächtig, fast durchgehend in der Illegalität zugebracht, unter dem austrofaschistischen Regime als Agitpropleiter der KPÖ, im besetzten Frankreich als einer von drei Beauftragten der „Travail Anti-Allemand“, in der er bald „Mädchen für alles“ war – er gab die Tarnschrift „Soldat im Westen“ heraus, die heimlich verbreitet wurde, sorgte dafür, dass Widerstandskämpfer unter falscher Identität in deutsche Dienststellen eingebaut wurden, und bildete Instrukteure für andere Regionen Frankreichs aus.

Mindestens 150 Landsleute sind, Mareksgroben Schätzungen zufolge, bei diesen Einsätzen aufgeflogen und ums Leben gekommen. Nach ihrer Verhaftung sollten auch er und seine damalige Lebensgefährtin Tilly Spiegel kurz vor dem Pariser Aufstand vom 25. August 1944 im Militärgefängnis von Fresnes hingerichtet werden, blieben aber inden Wirren des deutschen Truppenabzugs unentdeckt. Seine vermeintlich letzten Worte, auf Französisch in die Zellenwand gekratzt, waren noch jahrelang zu sehen.

Ab 1946 war Marek Chefredakteur des theoretischen Organs der Partei, „Weg und Ziel“, ab 1948 Mitglied des Politbüros. Bereits vor seinem Parteiausschluss 1970 übernahm er die Redaktion des „Wiener Tagebuchs“, das sich – noch unter dem Namen „Tagebuch“ – 1967 von der Partei gelöst hatte. Während er in Italien in hohem Ansehen stand, wurde Marek in der DDR, der DKP und der österreichischen Partei – rückwirkend auch in seiner überragenden Bedeutung für die Résistance – totgeschwiegen oder als Abtrünniger verteufelt. Die „Chronikder Linken“, die er bis zu seinem Tod verfasste, setzte dem „Wiener Tagebuch“ allmonatlich Glanzlichter auf. Wie sein Bewunderer Eric Hobsbawm und seine zweite Frau Barbara Coudenhove-Kalergi unisono berichtet haben, passte Mareks Hinterlassenschaft in zwei Koffer.

Schon mehrmals ist hier von Glück die Rede gewesen. Es ist der zentrale Begriff, um den man nicht herumkommt, wenn man sich mit Marek und Steindling beschäftigt. Und damit ist nicht der Zufall gemeint, mit dem Leben davongekommen zu sein, noch die Erwartung, nach der Befreiung ein langes, erfülltes Leben zu führen (was nicht zutreffen sollte; beide starben viel zu früh). Für Steindling gilt, was ihre Freundin Gerda Rodel, auch sie eine jüdische Kommunistin aus Wien im französischen Exil, in ihren Erinnerungen geschrieben hat, die nach wie vor unveröffentlicht sind. „Du sollst nicht glauben, dass wir in den langen Jahren der faschistischen Barbarei, in denen wir den Nazischergen zu entfliehen suchten, in denen wiruns gegen sie, so gut wir es vermochten, und wir vermochten nur wenig, zur Wehr setzten,dabei selbst versteinert sind. Nein, wir habengeweint und gelacht, wir haben gehasst, und wir haben geliebt. Was immer uns widerfahren ist, wir waren jung, und es waren die besten Jahre unseres Lebens, die wollten wir uns nicht nehmen lassen.“

Marek erinnert sich, dass ihm damals jeder Tag wie ein gewonnener Tag erschienen ist, sodass er sich sagen konnte, „auch wenn es heute aus ist, ist mein Pensum bereits zufriedenstellend, meine Arbeit bereits sinnvoll gewesen. Heute scheint es mir gewiss, dass mein ganzer Habitus, mein ganzer Lebensstil weitgehend durch die Tatsache geprägt worden sind, dass die Jahre der Illegalität die glücklichste Zeit meines Lebens waren. Ich dachte oft an die prominenten deutschen Kommunisten – Norden, Bruno Köhler, Abusch –, die ich 1940 in Südfrankreich getroffen hatte, auf der Flucht nach Lateinamerika, um sich ,aufzuheben‘. Wofür? Wozuleben die eigentlich, fragte ich mich. Und wasist das für eine internationale Solidarität, die die Franzosen allein bluten lässt?“

Es soll nicht der Eindruck entstehen, dassMareks Erinnerungen nur von zeitgeschichtlicher Bedeutung wären. Dafür sind sie zu anschaulich, prägnant, witzig und zugleich von einer beschämenden Ernsthaftigkeit. Wahre Literatur, könnte man sagen, wäre nicht das meiste, das sich als solche ausgibt, belanglos. Berthold Viertel hat Autobiografen als Bilanzfälscher bezeichnet; Franz Marek ist das genaue Gegenteil. Das erweist sichschon in der Vorbemerkung, in der er ohne Bitterkeit feststellt, „auch in Fragen des Marxismus keine große Schuhnummer“ zu sein und bei der Revision des institutionellen Marxismus nach 1956 „nur die Präpotenz ausder Stalinzeit variiert“ zu haben.

„Und war diese nicht selbst bloß eine Variante jener Auffassung, mit der der Mittelschüler kokettiert hatte, wenn er – in zerrissenen Schuhen durch den Regen stapfend – sich tröstete, dass er über seine Jugend einst ebenso berichten werde wie Hamsun über den ,Hunger‘? Nein, jetzt weiß ich es wohl schon seit anderthalb Jahrzehnten: Ich habe rasche Aufnahmefähigkeit, beeindrucke oft durch eine gewisse Gabe der Assoziation, gehörte in der Führung meiner Partei zu den Einäugigen unter den Blinden, bin aber alles andere als ein wirklich gründlicher, tiefer Denker. Das war der entscheidende Grund – von Zeitgründen abgesehen –, warum ich lieber viele Artikel schrieb als ein größeres Buch. Streng genommen war es immer so gewesen und auf vielen Gebieten, dass ich rasch erfasste, in den Anfängen brillierte, ja bluffte, gute Formulierungen fand, aber nie wirklich schöpferische und originelle Gedanken entwickelte. Ja, ich glaube mich zu erinnern, ich hatte schon in der Schulzeit Angst, dass Kollegen, Freunde und Bekannte plötzlich entdecken könnten, wie maßlos sie mich überschätzen – obwohl ja diese Maßlosigkeiten in den letzten Jahren immer maßvoller geworden sind, die Angst eher größer.“

 

Vom Sterben an gebrochenem Herzen

Mareks Elternhaus war jüdisch-national gesinnt, zu Hause in der engen Ennsgassenwohnung – sieben Personen auf Zimmer, Küche, Kabinett – wurde die „Wiener Morgenzeitung“ gelesen, auch vom kleinen Ephraim, der damals schon Franz gerufen wurde.

„Mir blieben zwei Lektüren in Erinnerung: ein Fortsetzungsroman ,Goal‘, die Karriere eines jüdischen Fußballstürmers, längere Zeit mein Idol – und der Nachruf auf einen Zionisten, den der Herzschlag getroffen hatte: ,Er starb an der Krankheit unserer Großen, an gebrochenem Herzen.‘ Ich war überzeugt, dass auch ich deshalb so enden werde.“

So war es dann auch: Franz Marek erlag, 66-jährig, einem Herzinfarkt. Für den Befund, dass er entgegen seiner späten Einsicht einer unserer Großen war, braucht es keinen Analogieschluss. Nur, wer darf sich in das besitzanzeigende Fürwort einschließen? ■

Ruth Steindling, Claudia Erdheim

Vilma Steindling. Eine jüdische Kommunistin im Widerstand

224 S., geb., € 25 (Amalthea Verlag, Wien)

 

Franz Marek

Beruf und Berufung Kommunist

Lebenserinnerungen und Schlüsseltexte, herausgegeben und eingeleitet von Maximilian Graf und Sarah Knoll. 348 S., geb., € 25 (Mandelbaum Verlag, Wien)