Die feministische US-Fotografin Zoe Leonard mit einer traurig-schönen Schau im Mumok-Keller.
Keine einzige Vagina. Fast ist man enttäuscht. Immerhin hatte US-Fotografin Zoe Leonard ihren Durchbruch 1992 bei der Documenta IX, als sie alle Männerporträts der Neuen Galerie Kassel entfernte und durch Schwarz-Weiß-Fotos weiblicher Genitalien ersetzte, die sich zwischen den verbliebenen Rokokodamen dramatisch auftaten. Eine der spektakulärsten und spekulativsten Beispiele feministischer Konzeptkunst der 90er-Jahre. Und jetzt das. Leonards erste international tourende Retrospektive wirkt im Keller des Wiener Museums moderner Kunst erst einmal kreuzbrav – mit Schnappschüssen aus dem Flugzeugfenster, herbstlichen Obstbäumen. Immerhin musste dafür der sonst in diesem Untergrund residierende postfeministische Männerclub der Wiener Aktionisten weichen. Auch ein Signal.
Doch man sollte Leonards Werk der vergangenen Jahre nicht unterschätzen – es ist nur subtiler, stiller, trauriger geworden. Die Ausstellung selbst ist eine formale Referenz an diese subkutane Melancholie, komponiert von der Künstlerin gemeinsam mit Mumok-Kurator Matthias Michalka und Architekt Wilfried Kühn. Letzterer hat zwei, drei Ecken eingebaut, die den Kubus intimer machen. Und ihn gleichzeitig sakralisiert: Die Stellwände sind höher, reichen fast bis an die Decke. Wodurch die Fotos fragiler wirken, der Raum Ehrfurcht gebietender. Vielleicht um die Ruhe zu fördern, die man braucht, um sich auf diese Kunst einzulassen? Denn es geht teils um reichlich Abstraktes, das Selbst und den Blickpunkt etwa. Das wird plastischer, wenn man mit ihr aus der Vogelperspektive etwa auf die Niagarafälle schauen darf, eigentlich zu Tode fotografiert, hier durch Leonards exponierten Blick aber wieder auferstanden als Motiv. Oder die peinliche Untersicht – aus der Mausperspektive vom Fuße des Catwalks hinauf unter die kurzen Röcke der Haute Couture. Wow.
Dieser dem ausgestellten Körper gewidmete Raum ist der feministischste und beeindruckendste: Hier steht man auf Augenhöhe der Fotografin (1,60m) der „Frau mit Bart“ gegenüber, dem Präparat einer menschlichen Zirkusattraktion um 1900, verwahrt unter einem spiegelnden Glassturz. Oder dem wie Schneewittchen präsentierten weiblichen Wachsmodell aus dem Wiener Josefinum. Mit Perlenkette! Von wegen wissenschaftliche Objektivität...
Langsam findet man sich ein in Leonards Blick, beäugt misstrauisch die Fotos der Bäume im Großstadtdschungel, in deren Holz sich Zäune, Gitter eingekerbt haben – Folter der Zivilisation oder Triumph der Natur? Fragen, keine Antworten.Eine schöne Schau.
Morgen, Samstag, 16 Uhr, führen Künstlerin und Kurator durch die Ausstellung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2009)