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Bewerbung

Wiens Balztanz um die EU-Behörde

(c) REUTERS (Hannah Mckay)
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Wien will Zuhause der Europäischen Arzneimittelbehörde werden. Die Unterlagen wurden eingereicht – darin finden sich konkrete Immobilien und etliche finanzielle Anreize.

Wien. Österreich buhlt um sein Objekt der Begierde – und hat schon vier Konkurrenten weniger. Ursprünglich hatten 23 europäische Städte angekündigt, sich als neuer Sitz für die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) zu bewerben. Die EU-Behörde mit Sitz in London und rund 900 Mitarbeitern wird nach dem Brexit einen neuen Standort brauchen. Die Bewerbungsfrist ging am Montag zu Ende, 19 Städte hatten schlussendlich eine Bewerbung abgegeben. Wien bemüht sich neben der EMA außerdem um eine weitere, kleinere, europäische Behörde: Für die europäische Bankenaufsicht (EBA) haben sich nur acht Städte beworben – dennoch rechnet man sich für die EMA bessere Chancen aus.

 

Bund und Stadt locken

In dem nun beginnenden Auswahlverfahren werden zunächst Experten der EU-Kommission alle Bewerbungsstandorte bewerten. Zu den sechs Kriterien gehören unter anderem die Arbeitsbedingungen, die Verkehrsanbindungen, die bisherige Zahl der EU-Agenturen und die Möglichkeiten eines schnellen Umzugs.

Die Stadtregierung glaubt gute Karten zu haben: Immerhin führe die Stadt seit Jahren verschiedenste Lebensqualität-Rankings an. Für seine guten öffentlichen Verkehrsanbindungen sei die Stadt bekannt – und der Wiener Flughafen aufgrund seiner geografischen Lage für international arbeitende Menschen ideal. Jeder europäische Flughafen könne von hier innerhalb von 3,5 Stunden angeflogen werden. Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) kündigte am Dienstag gegenüber Ö1 an, im September persönlich in Brüssel mit Vertretern der EU-Kommission und der Mitgliedsstaaten reden und Werbung für den Standort Österreich machen zu wollen. Der Bund hat gemeinsam mit der Stadt Wien ein ganzes Paket mit Annehmlichkeiten geschnürt, das sie dort präsentieren soll. So könnte die Wirtschaftsagentur Wien am künftigen Standort eine eigene Servicestelle betreiben, um dort die neuen Mitarbeiter während der Ansiedlung zu beraten. Falls die EMA eine betriebliche Kinderbetreuung einrichtet, will die Stadt Wien das finanziell unterstützen. Weiters soll es spezielle finanzielle Zuwendungen für jene Eltern geben, die ihre Kinder in öffentliche Kindergärten geben wollen. Die Stadt will zusätzliche schulische Angebote schaffen – rund 530 Bildungsplätze für Kinder zwischen drei und 18 Jahren würden für die EMA benötigt.

Es soll auch ein zusätzliches, maßgeschneidertes AMS-Betreuungsangebot geben, um Angehörigen von EMA-Mitarbeitern den Einstieg in den österreichischen Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Im Angebot finden sich dazu drei konkrete Immobilien: Das wäre erstens der Austria Campus am Nordbahnhof (Walcherstraße), wo unterschiedliche Objekte zur Verfügung stehen. Die zweite Option entsteht gerade auf ehemaligen Siemens-Gründen auf der Erdberger-Lände (Landstraße). Die Räumlichkeiten sind ab dem ersten Quartal 2018 verfügbar. Und als dritte Möglichkeit hat man Flächen in Europas erstem Holzhochhaus (Hoho) in Aspern angeboten. Das Gebäude ist ab Anfang 2019 bezugsfertig. Alle drei Gebäude sind öffentlich gut erreichbar und haben auch Parkplätze.

 

Leistbares Wohnen

Um diese Standorte zusätzlich schmackhaft zu machen, würde man die Gebäude auf 25 Jahre um einen Euro pro Jahr vermieten. Alle drei Immobilien sind allerdings nicht im Besitz der öffentlichen Hand, sondern werden von privaten Bauträgern errichtet. Der Bund müsste die Gebäude anmieten und billig weitervermieten.

Das heißt, man würde es sich einiges kosten lassen, um die EU-Behörde hierher zu locken. Bund und Stadt wollen sich die Kosten teilen – wobei der Bund aller Voraussicht nach 65 Prozent der Kosten tragen wird. „Die Stadt wird im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles daran setzen, die EMA für sich zu gewinnen – immerhin geht es laut einer Studie des IHS um eine Bruttowertschöpfung von 180,8 Millionen Euro und 2180 Arbeitsplätze in ganz Österreich“, sagt Wiens Finanzstadträtin Renate Brauner (SPÖ). Der Beitrag zum österreichischen Bruttoinlandsprodukt wird mit rund 203 Millionen Euro geschätzt. Eine beratende Kommission wird nun eine Shortlist der Städte erstellen. Die Entscheidung, wo die EU-Behörden ihr neues Zuhause bekommen sollen, wird Ende November fallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2017)