Der Vater der österreichischen Bundesverfassung als wehrloses Opfer flegelhafter Unverfrorenheiten.
Unreife Kinder, die den Namen eines anderen verballhornen oder verhunzen, werden zurechtgewiesen. Dass Erwachsene ebenso auf die Idee kommen, es Lausbuben gleichzutun, glaubt man nicht, bis man in den Medien massiv darauf hingewiesen und das Fehlverhalten zweifelsfrei bewiesen wird. Das jüngste wehrlose Opfer eines solchen Radauantisemitismus war kein Geringerer als Hans Kelsen, der von der Wiege bis zur Bahre nie anders geheißen hat als Kelsen – und nur Kelsen.
Schönstes Prager Deutsch
Hans Kelsen wurde 1881 im österreichisch-ungarischen Prag geboren und gehört mit Franz Kafka sowie Rainer Maria Rilke zu unserem vornehmsten Weltkulturerbe der Prager Deutschen. Ich frage mich immer wieder, warum gerade aus dieser ehemals österreichischen Ecke das schönste geschriebene Deutsch stammt.
Nicht nur Kafka und Rilke konnten es. Man lese Kelsen und wird bald bemerken, dass man nach ihm schwer einen Rechtswissenschaftler finden wird, der eine so klare und präzise Sprache gebraucht, wie, parallel verschoben, auch Franz Kafka.
Mit seinem Hauptwerk, der „Reinen Rechtslehre“, beeinflusst Kelsen bis in die Gegenwart das Denken der Rechtspositivisten und der Rechtswissenschaften. Mit der österreichischen Bundesverfassung aber prägt er positiv unser aller Leben.
Ein richtiger Herr
Nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie 1918 und der Ausrufung der Republik wurde er im März 1919 mit der Ausarbeitung der Verfassung des neuen Staats beauftragt. Gelungen ist ihm eine Machtstrukturierung, die unser System der Gewaltenteilung nach Legislative, Exekutive und Judikative bis heute in einem erstaunlichen Gleichgewicht hält. Das garantiert den Rechtsstaat, der unser Wohlergehen in einem der friedlichsten und reichsten Staaten der Welt ermöglicht.
Eigentlich müssten wir diesem Herrn, der – im Gegensatz zu einigen anderen – ein richtiger Herr war, jeden Tag loben und ihm danken. Jedenfalls sollte er von Hohn und Spott ohne Ausnahme für immer verschont bleiben.
Zu Lebzeiten wurde ihm schon genug übel mitgespielt. Unsaubere politische Machenschaften verhinderten, dass er nach der gesetzlichen Neugestaltung des Verfassungsgerichtshofs 1929/30 wiederum Mitglied des Höchstgerichts geworden wäre, weshalb er 1930 Österreich enttäuscht verließ und im Land, dessen Wohlstand er geistig mitbegründet hatte, nie mehr akademisch tätig wurde. 1940 emigrierte er in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er 1973 starb.
Auch seiner Mutter, Auguste, war in Österreich kein ruhiger Lebensabend beschieden. Wegen ihrer Herkunft musste sie vor den Nazis fliehen und fand im entstehenden Jugoslawien freundliche Aufnahme und ständiges Asyl. Angeblich konnte sie – als Flüchtling – relativ unbehelligt im slowenischen Bled nahe der Kärntner Grenze leben.
In slowenischer Erde
Janez Fajfar, der rührige Bürgermeister der Gemeinde, zeigt gern und wortreich jedem Interessierten das Grab der Dame und sagt, dass Slowenien stolz darauf sei, dass die Mutter des Vaters der österreichischen Bundesverfassung in ihrer Erde Frieden gefunden habe.
Ich verneige mich vor Hans Kelsen, dem bedeutendsten und herausragendsten österreichischen Rechtswissenschaftler, und wünsche seiner Asche, die auf sein eigenes Verlangen im Pazifik ausgestreut wurde, endlich Frieden. Frieden vor allem auch vor flegelhaften Unverfrorenheiten, wie sie zuletzt wieder vorgekommen sind.
Janko Ferk (geboren 1958 in St. Kanzian) ist Jurist, Schriftsteller und lehrt an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Univerza v Celovcu. Demnächst erscheint im Grazer Universitätsverlag sein Essayband „Drei Juristen. Gross – Kafka – Rode“.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2017)