Südafrika hat sich herausgeputzt, dennoch bleibt fraglich, wie viele Fans sich auf den weiten Weg ans Kap der Guten Hoffnung machen werden. Sicherheitsmaßnahmen werden ausgeschildert, die Townships aber verschwiegen.
Alexis Graf Dönhoff eilt die Nordstufen des neuen WM-Stadions hinauf. „Von hier aus hat man den besten Blick“, meint der 40-jährige Architekt aus dem oberbayerischen Dietzramszell, der vor drei Jahren mit seiner jungen Familie nach Kapstadt zog, um dieses Großprojekt mitaufzubauen. Jetzt ist das Prachtstück so gut wie fertig und die schmucke Mutterstadt Südafrikas um eine weitere Attraktion reicher.
Von außen elegant mit einer Glasfibermembran umhüllt, innen kompakt und optisch nah am Spielfeld. Eingebettet in Grünanlagen, mit Aussichten auf die Waterfront und den Tafelberg, darf das „Cape-Town-Stadium“ ab sofort als eine der schönsten Arenen der Welt gelten. Bis zu 68.000 Menschen werden hier ab Mitte Juni 2010 acht Spiele, einschließlich eines Halbfinales, verfolgen.
Blatters Traum von Afrika
Die VIP-Sektion dürfte schon jetzt das Gefallen der Fifa-Mandarine gefunden haben. In gläsernen Aufzügen werden hier künftig die Gäste direkt aus der Tiefgarage auf die grandiose Außenterrasse befördert; buchstäblich zu Füßen liegt ihnen das Spielfeld mit den 22 Akteuren. Spätestens dann ist Sepp Blatters Traum wahr geworden – ein Traum, der begann, als der Schweizer vor fünf Jahren mit einem Hubschrauber über die Kaphalbinsel geflogen wurde und irgendwann mit dem Finger nach unten zeigte: „Hier.“ Damit waren alle weiteren Diskussionen, wo man das neue Kapstädter Stadion hinplatzieren sollte, beendet.
Hier, und nirgendwo anders: Das galt auch für Blatters Plan, die WM erstmals nach Afrika zu vergeben. Auch aus Dankbarkeit dafür, das er mit den Stimmen der Funktionäre aus Afrika 2002 als Präsident der Fifa im Amt bestätigt wurde. Natürlich kam nur Südafrika in Frage. Einerseits die Regenbogennation, die dank Nelson Mandela und Frederik de Klerk die Apartheid wider Erwarten relativ friedlich überwinden konnte. Andererseits, weil Südafrika das einzige moderne Industrieland des schwarzen Kontinents ist.
Damals, im Mai 2004, als Blatter das Siegerkuvert öffnete, gab es viele in Europa, die insgeheim hofften, dass der eitle Schweizer mit seinem afrikanischen Traum scheitern würde. Als 2007 der ehemalige österreichische Fußballer Peter Burgstaller auf einem Golfplatz in Durban erschossen wurde, brandete die Debatte über Sicherheit in Südafrika, einem Land, in dem weiterhin täglich 50 Gewaltopfer zu beklagen sind, einmal mehr auf. Nun aber, so Südafrikas Organisationschef Danny Jordaan, sei endgültig auch der letzte Zweifel beseitigt worden: Vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2010 finden in acht Stadien Südafrikas 64 Fußballspiele zwischen 32 Nationalteams statt. Basta, und jetzt wird gefeiert.
Stimmung – nur in den Städten
Am Freitag zog die Fifa ihre funkelnde Show ab. Es gab Zeiten, da trafen sich wegen der Gruppenauslosung ein paar Funktionäre in einem Hotelsaal und fischten handbeschriebene Holzkugeln aus einem Samtsack. Anschließend wurde der Presse mitgeteilt, wer gegen wen in welcher Gruppe spiele. Gestern Abend, so die Fifa, sollen bis zu 250 Millionen Menschen in 200 Ländern verfolgt haben, wie die Schauspielerin Charlize Theron und David Beckham die acht Gruppen auslosten.
In Kapstadt strömten schon am Nachmittag Tausende in die Long Street zu Afrikas erster Fanmeile und verfolgten die Gruppenauslosung auf einer Leinwand. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich – so wie überhaupt jetzt endlich so etwas wie WM-Stimmung im Land zu spüren ist. Wobei das nur für die Städte gilt: Man kann kreuz und quer durch Südafrika fahren und wird vergeblich in Dörfern nach Hinweisen auf das größte Sportereignis der Welt Ausschau halten.
Heimvorteil dank Vuvuzelas
In Johannesburg und Kapstadt wurden die Flughäfen und Hauptbahnhöfe stark modernisiert. Die Frage bleibt, wie viele Fans sich tatsächlich auf den weiten, teuren Weg ans Kap der Guten Hoffnung machen werden. Nach wie vor hoffen die Südafrikaner auf eine halbe Million Fußballtouristen – aber diese Rechnung könnte sich als völlig falsch erweisen. Und dann hätte man ein Problem, die Stadien zumindest in der Gruppenrunde auch nur annähernd voll zu bekommen.
Beschämt erinnern sich lokale Organisatoren an die Afrika-Meisterschaft 1996, als Spiele wie Sambia gegen Sierra Leone oder Elfenbeinküste gegen Mozambique von weniger als fünfhundert Zuschauern besucht wurde – und das, obwohl die einheimische Nationalmannschaft („Bafana Bafana“) am Ende das Turnier gewann.
Wie viele Südafrikaner werden wohl Karten für Begegnungen zwischen der Slowakei und Honduras oder Nordkorea und Neuseeland kaufen? Antwort: nicht einer. Es könnte also gut passieren, dass kurz vor WM-Beginn massenhaft Karten zu Schleuderpreisen zu haben sind.
Für die Sicherheit der Fans in den Turnierstädten will die Regierung mit einem Massenauftritt der Sicherheitskräfte sorgen. Vermutlich werden sich die Bewohner von Kapstadt, Johannesburg, Durban und Port Elisabeth sicherer fühlen als seit 20 Jahren. Aber das wird nichts daran ändern, dass in den Townships vor, während und nach der WM Mord, Totschlag, Vergewaltigungen und Raubüberfälle an der Tagesordnung stehen. Das aber wird weiterhin geflissentlich verschwiegen.
Noch ist auch ungeklärt, wie die Fifa mit dem unerträglichen Phänomen der Vuvuzelas umgehen wird. Zu den Spielen der Bafana Bafana werden die Plastiktröten, die kollektiv so laut sind, dass sich die Spieler auf dem Platz nicht mehr verstehen, uneingeschränkt zugelassen, was Südafrika echten Heimvorteil verschaffen würde. Aber zu allen anderen Spielen wird man sie hoffentlich nur stark limitiert zulassen.
Ob es „die beste WM aller Zeiten“ wird, wie die Südafrikaner großspurig posaunen, darf bezweifelt werden; dafür gibt es noch zu viele Unwägbarkeiten. Blatter und Co. überschätzen, was man in einem Land wie Südafrika kontrollieren kann. Aber es wird wieder eine „Welt“-Meisterschaft, im Gegensatz zu Europa plus Gäste, wie in den letzten 20 Jahren. Südafrika 2010 bleibt ein Wagnis, so wie Brasilien 2014 ein Wagnis sein wird. Und genau dorthin wird es dann auch den Projektleiter Alexis von Dönhoff ziehen, wenn in sieben Monaten das Endspiel in der Soccer City von Johannesburg abgepfiffen worden ist.
WM IN ZAHLEN
853Spiele wurden ausgetragen, um die 31 WM-Teilnehmer aus 200 Ländern zu ermitteln. 20 Millionen Menschen, im Schnitt fast 23.000 Fans pro Spiel, verfolgten die WM-Qualifikation.
94.700Zuschauer fasst die Soccer City von Johannesburg, das größte aller zehn WM-Stadien.
3Millionen Tickets werden für
die 64 WM-Spiele verkauft.
500.000 Touristen werden erwartet. Ticketpreise: 15 bis 750 Euro.
48Millionen Menschen leben in Südafrika, Hauptstadt des Landes ist Pretoria. 2006 betrug das BIP/Kopf 5384 US-Dollar. Die Landeswährung heißt Rand
(1 Euro = 11,15 Rand).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2009)