Das OGH-Verbot von Zinsuntergrenzen bei variablen Krediten zwingt die Erste Group, 45 Mio. Euro rückzustellen. Der Halbjahresgewinn sinkt, liegt aber über den Erwartungen.
Wien. Manchmal darf man nicht so, wie man will – auch wenn man Generaldirektor einer Großbank ist. „Sehr gern“ würde er sich zum OGH-Verbot von Zinsuntergrenzen bei variablen Krediten äußern, murrte Andreas Treichl bei der Präsentation der Halbjahreszahlen der Erste Group, aber sein Pressesprecher habe es ihm verboten. Auch wenn ihm das höchstgerichtliche Urteil offenbar nicht gefällt: Man akzeptiere es und werde den 350.000 betroffenen Kreditkunden bei der Erste Bank und den Sparkassen die zu viel verrechneten Zinsen „ohne Anfrage“ und „bis Ende September“ zurückzahlen.
Zur Erinnerung: Die Richter hatten die Banken gezwungen, Negativzinsen an Kunden mit variablen Krediten weiterzugeben. Sprich: Wenn der Referenzzinssatz – bei Inlandskrediten der Euribor – unter Null fällt, dürfen sie nicht mehr ihren Aufschlag als Untergrenze ansetzen (zumindest dann nicht, wenn es nicht auch eine Obergrenze gibt). Dafür hat die Gruppe nun 45 Mio. Euro rückgestellt – was die Ersparnis aus der gesenkten Bankensteuer auffrisst.
„Die Vergabe von variablen Krediten wird dadurch sicher nicht erleichtert“, kommentierte Treichl dann doch. Was ihm eigentlich gefallen müsste. Österreich hat mit fast 80 Prozent den europaweit höchsten Anteil an variabel verzinsen Krediten. Dass man hierzulande so gern wie riskant auf die Zinsentwicklung spekuliert, stört den Banker: „Die Österreicher haben einen Hang zur kurzfristigen Optimierung, und das ist nicht immer gut.“ Weshalb die Erste nun Kredite mit fixem Zinssatz forciere.
Die Nullzinsen machen der Bank auch sonst Kummer: Weil die Margen so niedrig sind und Staatsanleihen wenig abwerfen, ging das Zinsergebnis im ersten Halbjahr weiter zurück. Der Zuwachs bei den Provisionen in der Vermögensverwaltung konnte das nicht kompensieren. Die betrieblichen Aufwendungen stiegen weiter, vor allem durch IT-Projekte. In Summe fiel der Nettogewinn mit 625 Mio. um ein gutes Viertel niedriger aus als im Vorjahreszeitraum.
Kreditausfall in Kroatien
Damals sorgte freilich ein Sondereffekt für ein Rekordergebnis: die Veräußerung der Beteiligung am Kreditkartenanbieter Visa. „Einen Anteil kann man leider nur einmal verkaufen“, bedauert Treichl. Sein Risikovorstand Willibald Cernko, früher Bank-Austria-Chef, muss von einem heftigen Ausfall in Kroatien berichten: Die Beinahe-Pleite des riesigen Mischkonzerns Agrokor kostet die Bank 88 Mio. Damit steigen die Risikokosten auch in Summe, bleiben aber historisch betrachtet sehr niedrig. Insgesamt fielen die Ergebnisse für das zweite Quartal etwas besser aus, als die Analysten erwartet haben. Deshalb stieg der Aktienkurs am Freitag in schwachem Marktumfeld um 2,4 Prozent.
Niedrige Zinsen haben auch ihr Gutes: Kreditnehmer tun sich leichter, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Der Anteil an notleidenden Krediten fiel bei der Ersten weiter, auf 4,7 Prozent. Hilfreich ist dafür auch das BIP-Wachstum in den Ostmärkten: Mit drei bis fünf Prozent liegt es wieder deutlich über dem in Österreich und dem Euroraum.
Bedauerlich findet Treichl, dass von den steigenden Unternehmensgewinnen viele nicht profitieren. Es gebe wegen der schwach entwickelten Kapitalmärkte in Österreich und Osteuropa zu wenige Möglichkeiten für kleine Anleger, ihre Ersparnisse attraktiv, transparent und mit nicht zu hohem Risiko zu investieren.
Hier sei die Politik gefragt. Auch die steigenden Immobilienpreise könnten weniger Begüterte nicht für sich nutzen: Kredite für einen Wohnungs- oder Hauskauf erfordern „immer mehr Sicherheiten“. Damit komme auch dieser Boom „wieder nur denen zugute, die schon Vermögen haben“.
AUF EINEN BLICK
Die Erste Group erzielte im ersten Halbjahr einen Nettogewinn von 625 Mio. Euro – ein gutes Viertel weniger als im Vorjahr, wo allerdings ein Beteiligungsverkauf das Ergebnis aufblähte. Die harte Kernkapitalquote blieb seit Dezember unverändert bei 12,8 Prozent. Das Eigenkapital werde sich wie geplant mit über zehn Prozent verzinsen. Die Dividende pro Aktie soll, nach einem Euro im Vorjahr, auf bis zu 1,20 Euro steigen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2017)