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Und die Band spielte weiter

Straßenmusik unter der Straße: Die Wiener Mundart-Liedermacher Da Weana spielen am Westbahnhof im Zwischengeschoß zwischen U3 und U6.
Straßenmusik unter der Straße: Die Wiener Mundart-Liedermacher Da Weana spielen am Westbahnhof im Zwischengeschoß zwischen U3 und U6.(c) Stanislav Jenis
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Tanzende Menschen im Stationsbereich und zufriedene Musiker - nach dem Pilotversuch am Westbahnhof wird die Musik in der U-Bahn auf weitere Stationen ausgeweitet.

Tanzen gehört nicht zu den alltäglichen Bewegungsarten im Stationsbereich öffentlicher Verkehrsmittel. Das weiß das kleine Mädchen allerdings nicht, das gerade auf dem Steinboden mit den Hüften wackelt, die Hände in die Höhe reißt und ihren Blick nicht von den Musikern richten kann. Musiker? Auch die sind keine alltägliche Erscheinung in der Station. Oder waren es zumindest bis vor Kurzem nicht. Bis Anfang Juli am Wiener Westbahnhof ein Pilotversuch startete. Seit damals spielen mehrere Bands und Solokünstler regelmäßig im Zwischengeschoß zwischen U3 und U6. Und sorgen immer wieder dafür, dass die Passagiere ein wenig langsamer werden, stehenbleiben – und vielleicht sogar ein bisschen im Takt mitwippen.

„Es sind Leute, die von der Arbeit kommen, Touristen, Kinder, Arbeitslose oder Drogensüchtige“, sagt Gerhard Mayrhofer. „Der Westbahnhof ist da ein richtiger Melting Pot.“ Der Kontrabassist der Wiener Mundart-Liedermacher „Da Weana“ hat schon einige Male hier gespielt. Elf oder zwölf Mal, meint er. Und offenbar komme die Musik bei den Menschen an. „Die meisten bleiben stehen und lauschen.“ Alle drei bis fünf Minuten, wenn eine Garnitur der U3 einfährt, kommt ein Schwall an Fahrgästen. Am Nachmittag, so gegen 16.30 Uhr, sei die Frequenz am höchsten. „Da fahren gerade viele von der Arbeit heim.“

14 Bands hatten die Wiener Linien im Vorfeld gecastet, die hier auftreten dürfen. Von der Singer-Songwriterin Nana über die Tenori Amici mit Operettenklängen bis zu Jazz mit Borna. Und eben auch „Da Weana“, die gerade mit Gitarre, Kontrabass und Ziehharmonika ihr Lied „Da Koal und da Fraunz“ spielen. „Man muss mit wenigen Mitteln die Leute erreichen“, meint der Kontrabassspieler. Ein kleiner Verstärker darf aufgestellt werden, allzu viel Raum für eine opulente Show ist nicht. Braucht es aber gar nicht. So wie bei Straßenmusikern an der Oberfläche bildet sich schnell eine Menschentraube.

Die gecasteten Musiker sind allesamt keine Anfänger. Sie spielen auch abseits der U-Bahn Konzerte, haben zum Teil schon Alben aufgenommen. In einem Karton haben auch „Da Weana“ ihre CD zum Verkauf aufgelegt. Und immer wieder kommt jemand aus der Menschentraube heraus, sucht den Blickkontakt mit einem der spielenden Musiker, legt zehn Euro in die Kiste und nimmt sich ein Album heraus. Oder, der zweite Grund für den Schritt aus dem Publikum, man wirft ein paar Münzen in einen eigens aufgestellten Hut. „Hutgeld“ haben die Musiker draufgeschrieben.


Zwei Euro von den Punks

Das ist es auch, was sie hier finanziell erreichen können – sie dürfen Spenden sammeln. Eine Gage von den Wiener Linien bekommen sie nicht. Einige Musikerkollegen und Gewerkschaftler haben sich rund um den Start der Aktion darüber beschwert. Die Band kann allerdings ganz gut damit leben. „Man macht das nicht wegen des Geldes“, meint Mayrhofer. Natürlich, es komme schon ein bisschen was zusammen. „Das Lustige ist – sogar Punks, die sonst auf der Mariahilfer Straße um Geld betteln, haben zwei Euro in den Hut geworfen.“

Der Auftritt in der U-Bahn sei auch so etwas wie ein Marketingtool. Man erreicht Menschen, die sonst vielleicht nicht mit dieser Musik in Kontakt gekommen wären. Und es hat in weiterer Folge schon einige Angebote für bezahlte Auftritte gegeben. Auftritte wie bei Hochzeiten oder anderen Veranstaltungen werfen tatsächlich Geld ab. Und auch als Straßenmusiker an der Oberfläche, erzählt Mayrhofer, komme mehr zusammen als in der U-Bahn. „Das liegt vor allem an den Touristen. Wenn da einer aus einer japanischen Gruppe fünf Euro reinwirft, machen es ihm andere nach.“ Am Graben hat die Band schon gespielt, auf der Tuchlauben, dem Stock-im-Eisen-Platz, einmal auch auf der Mariahilfer Straße.

„Ob es draußen heiß ist oder regnet, das bekommen wir hier unten gar nicht mit.“ Der Vorteil dabei ist, dass man wetterunabhängig immer einen garantierten Strom von Menschen hat, die hier vorbeikommen. Man spart sich die bürokratische Arbeit, die man für einen Standplatz in einer Wiener Fußgängerzone machen müsste.

Dass der Wiener in U-Bahn-Stationen am liebsten mit starrem Blick den kürzesten Weg sucht, um schnell wieder rauszukommen, wird durch die Musiker jedenfalls gebrochen. Auch die Wiener Grundregel, dass man in der U-Bahn nicht lächelt, wird zumindest für ein paar Minuten ausgehebelt. Die Wiener Linien, die die Befürchtung hegten, dass die Musiker vor allem den Strom der Passagiere behindern würden, haben sich mit der Attraktion jedenfalls angefreundet. Die Aktion wird nach der Probezeit nicht nur verlängert, sondern auf die Stationen Karlsplatz und Praterstern erweitert.


Musik im Waggon bleibt tabu

Ab Ende September werden auch dort Musiker spielen können. Darunter sollen weitere der rund 200 Bewerber sein, die es beim ersten Casting der Wiener Linien nicht in die Endrunde geschafft haben, aber auch neue Bands sollen gecastet werden. Das Mitwippen im Takt dürfte sich also weiter ausbreiten. Wenn auch nur in von der Stadt vorgeschriebenen Stationsbereichen – in den Waggons bleiben musikalische Aufführungen weiterhin tabu.

Musiker

U-Bahn-Stars ist ein Projekt, das Anfang Juli in der U-Bahn-Station Westbahnhof gestartet wurde. Aus rund 200 Bewerbern wurden 14 Bands und Musiker gecastet, die regelmäßig im Stationsbereich auftreten können.

Gage bekommen sie keine, sie dürfen allerdings Hutgeld verlangen, also um Spenden bitten. Einige verkaufen auch CDs.

Die Aktion wird wegen positiver Rückmeldungen verlängert und ab Ende September auch auf die Stationen Praterstern und Karlsplatz ausgeweitet.

Die Musiker für die nächsten Monate werden zum Teil aus den bisherigen Castings eingeladen, zudem gibt es beim Busker Festival für Straßenkunst vom 8. bis 10. September am Karlsplatz die Möglichkeit, sich vor einer Jury zu qualifizieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2017)