„Die Kirchen zu füllen wäre nützlicher, als die Sichtbarkeit der Moscheen zu reduzieren.“
Frankreich gehört zu den Ländern, in denen besonders heftig über das Schweizer Minarettvotum diskutiert wird. Wobei Unterstützung für die Schweizer von ganz oben wie ganz unten kommt. Da wird berichtet, dass der Staatspräsident höchstpersönlich im Elysée-Palast vor Parteigenossen Verständnis für den Wahlausgang gezeigt habe: Die Menschen, in der Schweiz wie in Frankreich, würden eben nicht wollen, dass ihr Land sich verändere, dass es „denaturiere“.
Gleichzeitig ergeben Blitzumfragen diverser Zeitungen ein ähnliches Bild wie in Deutschland die Umfragen von „Spiegel“, „Stern“ und „Bild Zeitung“. Jene des „Figaro“ ergibt 73 minarettfeindliche Prozent bei 49.000 Umfrageteilnehmern, jene von „L'Express“ sogar 86 Prozent bei über 19.000 Teilnehmern. Würde eine Volksbefragung in Frankreich vielleicht noch krasser ausfallen als in der Schweiz mit ihren 57,7 Prozent pro Minarettverbot? Das fragen Kommentatoren bange. Haben die Schweizer etwa laut gewählt, was die Franzosen heimlich denken?
Anders als in Österreich ist es in Frankreich keine Schande, patriotisch auf eine „nationale Identität“ zu pochen. Es gibt eine eigene Internetplattform (www.debatidentitenationale.fr) für die Diskussion darüber und auch dort findet man zahlreiche Kommentare zum Schweizer Votum – wie etwa: „Für mich ist das typische Bild für eine französische nationale Identität ein Dorf, das von einem Kirchturm überragt wird, aber keinesfalls von einem Minarett“, oder: „Für mich heißt Französin sein... der Respekt unserer jüdisch-christlichen Wurzeln, ...nicht die Minarette, die Burkas, die Missachtung der Frauen...“.
Auf der anderen Seite hat sich der Oberrabbiner von Frankreich, Gilles Bernheim, am Donnerstag in der Zeitung „Le Figaro“ zu Wort gemeldet. „Jede Entscheidung, die darauf hinausläuft, Angehörigen einer bestimmten Religion weniger Rechte zuzugestehen als anderen, ist eine ungerechte Entscheidung“, schreibt er. Es sei Unfug, das christliche Erbe Europas zu leugnen. Problematisch an der Schweizer Volksbefragung sei jedoch „die Diskriminierung, die dadurch entsteht, dass man anderen Religionen als dem Islam den Bau von Kirchtürmen und hohen Gebäuden gestattet. Früher ist es vorgekommen, dass man Juden verbot, ihre Synagogen höher zu bauen als die Kirchen: Da verteidigte man das Prinzip einer vorherrschenden Religion – man deklarierte aber nicht die andere Religion als unerwünscht.“
Gilles Bernheim sieht außer der Angst vor islamischer Gewalt und vor Verdrängung durch die fruchtbaren Neuankömmlinge zwei weitere Motive für den Wahlausgang.
Zum einen „eine Verteidigung der christlichen Identität, die sich in der Methode irrt: Die Kirchen zu füllen wäre nützlicher als die Sichtbarkeit der Moscheen zu reduzieren“. Zum anderen eine generelle Ablehnung von Religion: „Man fürchtet nicht mehr die so diskrete Kirche, man fürchtet nicht die Synagoge, die sich nur an ihre eigene kleine Gemeinschaft richtet“ – man fürchtet dagegen die Moschee, weil sie eine als inbrünstig und lebendig wahrgenommene Religion vertrete.
Bernheim fühlt sich an Victor Hugos Gedicht „La conscience“ („Das Gewissen“) erinnert. Da lässt sich der Brudermörder Kain in einer riesigen Festung einsperren, um den Blicken Gottes zu entkommen, und seine Verwandten bringen über der Pforte folgende Worte an: „Défense pour Dieu d'entrer“ – „Zutritt für Gott verboten“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2009)