Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wangen bei Olten: "Wollen Schweizer bleiben"

(c) Bilderbox.com
  • Drucken

Wo das Minarettverbot in der Schweiz seinen Ausgang nahm. Eine Reportage aus Wangen bei Olten, einem 5000-Seelen-Ort mit 300 Muslimen.

Fährt man mit dem Zug in Wangen bei Olten ein, fällt der Blick unweigerlich auf den schmalen weiß-blauen Turm mit goldener Spitze, der das Dach einer unscheinbaren lagerhausähnlichen Moschee wie ein Kamin ziert. „Es sieht nicht schön aus“, findet eine junge Frau, die auf dem Bahnsteig wartet. Und sie sehe nicht ein, warum Muslime ein Minarett bauen dürften, während in manchen Schweizer Schulen die Kinder, die ein T-Shirt mit Schweizerkreuz tragen, nach Hause geschickt würden: „Wir müssen uns anpassen, wenn wir ins Ausland gehen, also sollen sich auch die Muslime anpassen, wenn sie in der Schweiz leben“, meint eine ältere Dame, die mit dem Minarett ebenso wenig anfangen kann.

Einige Monate nach seiner Einweihung sorgt der islamische Gebetsturm in der 5000-Seelen-Gemeinde Wangen noch immer für Diskussionsstoff. In einem rustikalen Restaurant im Ortszentrum, wo sich ein paar ältere Männer an diesem späten Vormittag zum Kaffee treffen, sind die Meinungen gebildet: „Das Minarett gefällt mir gut, vor allem, wenn es in der Nacht beleuchtet ist“, schickt einer der Gäste voraus: „Aber es ist ein unnötiges Machtsymbol des Islam.“ Er habe genug vom arroganten Auftreten vieler muslimischer Männer und deren rückwärtsgewandtem Frauenbild. Zudem sei er gegen die Politik der Toleranz gegenüber Ausländern, die oft kriminell seien und die sozialen Netzwerke ausnützten.

Dieses Unbehagen gegenüber der Politik habe auch beim Ja der Schweizer zum Minarettverbot mitgespielt: „Wir wollen ein Zeichen setzen, Schweizer bleiben und uns nicht ständig von außen unter Druck setzen lassen“, wirft ein anderer ein. Es würden zwar nur wenige Ausländer Probleme machen, diese würden aber die Stimmung gegenüber allen Zuwanderern, auch Muslimen, völlig verderben.


„Herziges Türmchen“. Ganz anders sehen dies zwei junge Frauen vor einem Supermarkt: „Das ist doch ein kleines, herziges Türmchen, das bringt Farbe ins Dorf“, meint eine der beiden. „Die Ausländer sollen sich hier wohlfühlen und ihre Religion frei ausüben dürfen“, fügt die andere hinzu. Und eine ältere Dame, die die Diskussion mithört, fordert mehr Toleranz: „Man muss doch nicht immer alles verbieten.“

Die Einwohner von Wangen haben das Bauverbot für Minarette bei der Volksabstimmung mit 61 Prozent gutgeheißen, der Ja-Anteil war damit weit höher als im Landesdurchschnitt. Dabei gebe es mit den knapp 300 Muslimen im Ort keine Probleme, erklärt Bauverwalter Max Zülli. Doch die Skepsis der Bürger ist für ihn kein Zufall: „Hier an diesem Tisch“, erzählt er in seinem Büro im Gemeindehaus, „hat die landesweite Kampagne gegen Minarette ihren Anfang genommen“. Hier hätten im Jahr 2005 Vertreter des türkischen Kulturvereins einen Bauantrag für ein Minarett eingereicht.

Hunderte Bürger erhoben Einspruch. Die Gemeinde lehnte den Antrag ab, unter anderem, weil das Minarett nicht ins Ortsbild passe, erzählt Zülli. Doch der türkische Kulturverein focht den Antrag bis zum Bundesgericht durch, das den Bau erlaubte. Dass die Behörden der Bevölkerung ein ungewolltes Minarett aufzwangen, war Anlass für die Volksinitiative gegen neue Minarette, sagt Zülli.

Graue Wölfe. Ein weiterer Grund seien Diskussionen um den Trägerverein der Moschee gewesen. Laut Bundesamt für Polizei stehe dieser der rechtsextremistischen türkischen Organisation der „Grauen Wölfe“ nahe, deren Flagge vor der Moschee weht. Vorwürfe, von denen Süleiman Osmanof, Mitglied im Kulturverein, nichts wissen will. Die Flagge zeige zwar einen Wolf, dieser sei aber ein tausendjähriges Symbol für das Türkentum und habe nichts mit den Grauen Wölfen zu tun. Für ihn ist die Debatte in Wangen ohnehin längst kein Thema mehr: „Wir haben jetzt ja ein Minarett, aber wir sind traurig, dass es nun in der Schweiz keine weiteren mehr geben wird“, sagt er. Zwar würden Muslime nicht unbedingt ein Minarett brauchen, aber es sei ungerecht, nur ihnen den Bau von Gebetstürmen zu verbieten.

Enttäuscht vom Ja der Schweizer zum Verbot sind auch die Brüder Hasan und Hüsein Gültekin, die unweit des Minaretts eine Pizzeria betreiben. „Wir sind Aleviten und gehen nicht in die Moschee“, sagt Hasan. „Aber wir sind traurig über das negative Bild der Schweiz im Ausland.“ Sein Bruder Hüsein meint, es hätte nie soweit kommen dürfen, die Politik hätte die Antiminarettinitiative verhindern müssen.

Doch nun ist die Abstimmung Geschichte, und das Wangener Minarett ist längst zum Symbol der hitzigen Debatte geworden. Bauverwalter Max Zülli steht Journalisten aus aller Welt Rede und Antwort, die aus der verschlafenen Gemeinde berichten, in der die Antiminarettinitiative ihren Anfang nahm: „Bald wird unser Ort nicht mehr Wangen bei Olten, sondern Wangen beim Minarett heißen“, scherzt eine junge Frau vor dem Gemeindehaus angesichts des internationalen Medieninteresses. So richtig wohl scheint ihr dabei aber nicht zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2009)