Das Minarett, das keiner kennt

Saalfelden
(c) Die Presse (Lagler)

In Saalfelden steht seit Jahren Österreichs viertes Minarett – von dem nicht einmal die Islamische Glaubensgemeinschaft wusste.

Man muss aufpassen, dass man nicht vorbeifährt: Die Leuchttürme modernen Konsums – Möbelhäuser, Supermärkte, Autohändler – an der Straße nach Zell am See sind weit höher und auffälliger als das Minarett der Saalfeldner Moschee. Mitten im Salzburger Pinzgau, einer von Tourismus, Landwirtschaft und Handel geprägten Region, steht seit 2003 ein acht Meter hohes Minarett. So unauffällig, dass es bisher niemanden gestört hat. So unauffällig, dass es niemandem aufgefallen ist. Bisher.

Bisher war stets von drei Minaretten in Österreich (Wien, Bad Vöslau, Telfs) die Rede. Auch seitens der Islamischen Glaubensgemeinschaft. „Die Presse am Sonntag“ hat das vierte Minarett entdeckt. „Das überrascht mich. Es ist aber erfreulich zu hören, dass so ein Bau auch ohne Konflikte und große Diskussionen stattfinden kann“, meint Medienreferentin Carla-Amina Baghajati. Bis dato hat sie geglaubt, dass es nur drei Minarette gibt.

Anders als im Tiroler Telfs gab es in Saalfelden keinen Aufschrei der Bevölkerung, als die muslimische Gemeinde den Bau beantragte. „Es ist lange nicht wahrgenommen worden, weil es so klein ist“, sagt Roland Rasser, der Pfarrer von Saalfelden: „Das Minarett war nie ein Thema.“ Der weiße Turm mit schwarzem Dach in Saalfelden ragt kaum über die Höhe des Hauptgebäudes hinaus. „Wir wollten ursprünglich schon ein bisschen höher bauen, aber das war durch die Bauordnung nicht möglich“, erzählt Mikail Sahin, Obmann des Türkischen Kulturvereins Atib Saalfelden. Der Verein hat im Gewerbegebiet an der Hauptstraße zwischen Saalfelden und Zell am See vor bald zehn Jahren ein ehemaliges Kohlenlager gekauft. Heute gibt es in dem Gebäude eine Moschee, eine türkische Gemischtwarenhandlung, einen Friseur und das Vereinslokal als Treffpunkt der muslimischen Gemeinde im Mitterpinzgau. Rund 200Mitglieder hat der Verein. Sie finanzieren mit ihren monatlichen Beiträgen von zehn Euro die Anlage. Der Vorbeter wird von der Türkei bezahlt. Die Saalfeldener Muslime kommen aus Ex-Jugoslawien, aus der Türkei, Albanien, Afrika.

Man sei bei der Erhaltung der Moschee auf Spenden angewiesen, sagt Sahin – und liefert ein Argument, warum sich der Verein 2002 zum Bau des Minaretts entschlossen hat. Die rund 30.000 arabischen Touristen, die jeden Sommer im Raum Zell am See Urlaub machen, sollen durch das Minarett auf das Gebetshaus hingewiesen werden. „Sonst weiß ja keiner, dass er zum Beten kommen kann“, sagt Sahin. Das Konzept funktioniert: Im Sommer sind oft mehr arabische Touristen beim Freitagsgebet als Einheimische. Und die Gäste sind großzügig mit finanzieller Unterstützung. Auch Fußballmannschaften muslimischer Länder, die bei Trainingslagern im benachbarten Leogang sind, kommen. Ein Foto zeigt Kickerstars von Alhilat Riad vor dem Minarett. Sogar die Fußballer von Besiktas Istanbul waren schon da.

Es sei gegenseitiger Respekt, weshalb das Zusammenleben in Saalfelden funktioniere, sagt der gebürtige Türke, der mit zwölf Jahren nach Österreich gekommen ist. Dass man sich um gute Kontakte bemühe, bestätigt der Pfarrer. Eine Abordnung der Muslime hat die Pfarrkirche besucht. Schulen kommen in die Moschee, um Gebetshaus und Islam kennenzulernen. Der katholische und der evangelische Pfarrer waren bei der Eröffnung der Moschee. Fragt man Einheimische nach dem Minarett, wird es fast nirgends als Problem gesehen. Viel eher werden mangelnde Sprachkenntnisse der Migranten beklagt oder Schlägereien in Zell am See, bei denen immer wieder türkische Jugendliche mitbeteiligt sind.

Gerade an Schulen bemüht man sich um gegenseitiges Verständnis. In der Volksschule I, in der für etwa ein Viertel der Kinder Deutsch nicht die Muttersprache ist, wird ein interkulturelles Kaffee angeboten. „Das Interesse besonders türkischer Mütter ist sehr groß“, erzählt Anita Größlich, Direktorin der Volksschule. Sie beobachtet aber auch, dass sich der Kontakt auf die Schule beschränkt. Türkische Kinder und Jugendliche treffen einander wie die Eltern bei Atib – bei Fußball, Dart, Billard oder beim Religionsunterricht in der Moschee. Dass diese ein Minarett hat, ist für sie selbstverständlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2009)