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Bei den letzten Berggorillas

Gorilla
(c) EPA (MARC HOFER)

Die amerikanische Forscherin Dian Fossey hat den Grundstein gelegt: Die Gorillas im Norden Ruandas sind zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Der Ökotourismus floriert.

Am frühen Morgen wandert eine kleine bunte Gruppe über Almwiesen aufwärts. Acht Touristen, zwei bewaffnete Militärs, zwei Wildhüter und vier Träger. Nur eine kleine Mauer trennt das fruchtbare, vulkanische Ackerland vom grünen Dickicht des Dschungels. François beißt mit breitem Grinsen in eine saftige Bambusspitze: „Seht her, das ist die Lieblingsmahlzeit der Gorillas. Aber sie pflücken auch Kräuter, um sich selbst zu heilen, wenn sie Durchfall oder andere Krankheiten haben.“

Der Wildhüter hat seinerzeit unter der berühmten amerikanischen Zoologin Dian Fossey seinen Job als Wildhüter gelernt: „Sie war keine einfache Frau, aber ihr verdanken wir, dass es heute diesen Nationalpark gibt.“ Fossey hat 18 Jahre lang in den Virunga-Bergen gelebt, die Gorillas erforscht, beschützt und weltweit auf ihre Bedrohung aufmerksam gemacht. 2009 wurde von der UNO zum „Jahr der Gorillas“ erklärt, die Organisation macht damit auf die Gefahr der Ausrottung dieser Primaten aufmerksam. Die letzten etwa 700 noch wild lebenden Berggorillas sind hier im Dreiländereck Kongo-Ruanda-Uganda zu Hause.

Aber nur in Ruanda wird seit Jahren erfolgreich auf nachhaltigen Ökotourismus gesetzt. Ein Sprecher des Ruanda-Tourismusverbands sagt über das wichtigste Kapital des Landes: „Die Berggorillas tragen wesentlich zum positiven Image unseres Landes bei. Gesetze allein hätten ihr Überleben nicht gesichert, die internationale Gemeinschaft hat sie gerettet.“ Im Jahr 2005 kamen 22.000 Touristen aus 95Ländern zu Besuch ins „Land der 1000Hügel“. Die Tendenz ist seither steigend, der Gorilla-Tourismus ist mittlerweile die drittwichtigste Deviseneinnahmequelle.

Die kleine Gruppe kämpft sich durch Matsch und dichtes Buschwerk aufwärts, nach etwa einer Stunde signalisiert François: stehen bleiben, Rucksäcke ablegen, Fotoapparate auspacken. Blitzverbot, Sprechverbot, Spuckverbot. Und falls jemand husten oder niesen muss, möge er sich unbedingt von den Gorillas wegdrehen und die Hand vorhalten.

Der Wildhüter warnt: „Die größte Gefahr sind heute neben Wilderern vor allem unsere Besucher. Sie bringen Viren in den Dschungel, gegen die unsere Gorillas nicht immun sind.“ Letzte Instruktionen auf der kleinen Dschungellichtung: „Ihr müsst unbedingt unseren Anweisungen folgen. Geht niemals näher als sieben Meter zu den Gorillas, sprecht nicht und schaut ihnen nicht in die Augen, sondern auf den Boden. Sonst provoziert ihr sie!“

13 Weibchen, einClanchef. Sechs Gorillafamilien sind habituiert, also an menschlichen Besuch gewöhnt. Sie werden allerdings nur beobachtet, nicht gefüttert oder berührt und dürfen pro Tag nur eine Stunde lang besucht werden. „Group 13“ ist ein Musterbeispiel dafür, dass der gezielte Artenschutz schnell greift: Im engen Familienverband leben 13 weibliche Tiere mit zwölf Kindern und ihrem Clanchef, dem Silberrücken. Ein ausgewachsener männlicher Gorilla kann bis zu zwei Meter groß werden und 170 Kilo wiegen.

Noch bevor die Ökotouristen die Familie sehen, hören sie lautes Knacken und Schmatzen im Gebüsch. Was dann auf einer Lichtung zu beobachten ist, verschlägt allen den Atem: Gorillakinder spielen, der Silberrücken hält mit einer Primatin Händchen und zwei Weibchen klauben einander Läuse aus dem Fell. „Verwandtenbesuch“, bemerkt jemand flüsternd – denn der genetische Unterschied der Gorillas zum Homo sapiens beträgt nur 2,3 Prozent. Die vegetarischen Tiere werden bis zu 55 Jahre alt, der weibliche Zyklus beträgt wie beim Menschen 28 Tage und die Tragezeit neun Monate.

Die grüne Grenze zur Demokratischen Republik Kongo verläuft quer durch den Regenwald der Virunga-Berge, sie wird von den Tieren immer wieder überschritten. Und dort werden die harmlosen Gorillas nicht geschützt, sondern gnadenlos gejagt. Im von Bürgerkriegen erschütterten Kongo sind die Primaten kein Arbeitsplatzgarant, keine Deviseneinnahmequelle. Sie sind einfach nur im Weg – wie etwa den Schmugglern von Holzkohle. Sie schleppen ihre Ware quer durch die afrikanischen Berge nach Ruanda.

Holz ist in Afrika ein kostbares Gut, und im Drei-Länder-Nationalpark wächst viel davon. Natürlich ist das Roden und Köhlern verboten, aber die Ärmsten der Armen haben nichts zu verlieren.

Handel mit Babys. Schnelleres Geld lässt sich aber mit dem Handel von Gorillajungen machen. Um an ein niedliches Pelzknäuel zu gelangen, wird auch ein Massaker an der ganzen Familie in Kauf genommen: Von der Mutter bis zum Silberrücken zahlen viele Gorillas den engen Familienzusammenhalt mit dem Einsatz ihres Lebens. In Ruanda werden die Menschenaffen deshalb Tag und Nacht in gebührendem Respektabstand von bewaffneten Wildhütern bewacht. Ein junges Gorillaweibchen der Group 13 ist „Kriegsinvalide“: Sie hat ihre linke Hand verloren – für einen Menschenaffen ist das ein ernstes Handicap. Wildhüter Johnson erklärt flüsternd, dass sie Opfer der Fallensteller in Kongo wurde. Ihr Arm war im Fangeisen eingeklemmt und nicht mehr zu retten. Jetzt turnt sie geschickt in den Baumwipfeln und füttert ihr Baby mit jungen Bambusspitzen. Doch was dem Gorillaweibchen tatsächlich passiert ist, wird nie jemand herausfinden. Vielleicht wollten die brutalen Jäger auch einfach nur „Bushmeat“ aus dem Dschungel. Als Buschfleisch wird auf den lokalen Märkten alles verkauft, egal, ob es von geschützten Tieren kommt, Hauptsache, es macht satt. Die Täter könnten auch Feinde der Regierung Ruandas sein, denn immer wieder versuchen Gruppen, dem Nachbarstaat eine wichtige Lebensader abzuschneiden, wie den boomenden Gorillatourismus. Während Uganda bereits zaghafte Versuche unternimmt, das Erfolgsmodell zu kopieren, ist im Kongo noch lange keine Rede davon. Flüchtlingsströme lagern nahe der Grenze, der Osten der Republik wird von einem langen Bürgerkrieg erschüttert.

Kostbares Ackerland. Dabei leben im Kongo sogar weitere gefährdete Primaten, die Flachlandgorillas. Deren Bestand ist nicht nur von Wilderern bedroht, sondern auch von der Rodung ihres Lebensraums. Fruchtbare Erde ist kostbar, kein Quadratmeter darf verschwendet werden. Und da ist für die hungernden Menschen der Acker wertvoller als das Leben eines Gorillas. Die Schüsse sind nicht weit zu hören, dichtes Laub schluckt den Schall, wenn ein kostbares Primatenleben ausgelöscht wird.

Die kleine Gruppe von Ökotouristen schießt auch – doch die Fotos der Group 13 werden zum Schutz der sanften Riesen beitragen. Denn Mundpropaganda und Berichte sorgen dafür, dass immer mehr Spenden gesammelt werden und in Ruanda stetig neue Arbeitsplätze entstehen. Prominente Besucher wie Microsoft-Tycoon Bill Gates oder Schauspielerin Scarlett Johansson sorgen für Schlagzeilen und machen Gelder locker.

Je besser Wildhüter verdienen, je mehr Träger beschäftigt werden, je mehr Jobs in Lodges und Camps entstehen, umso motivierter sind die Einheimischen, ihren größten Schatz zu hüten: das Leben der letzten Berggorillas unseres Planeten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2009)