Sind Quereinsteiger die besseren Politiker? Manchmal . . .

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Sebastian Kurz präsentiert den nächsten Neueinsteiger für seine Kandidatenliste. Und Matthias Strolz will ein Ablaufdatum für politische Ämter.

Seien wir ehrlich. Würden Sie Ihre Küche oder den Wandverbau von einem Tischler anfertigen lassen, der Ihnen voll Stolz als Quereinsteiger präsentiert wird? Der vielleicht seinem Kind mit der Laubsäge im Werkunterricht geholfen haben mag, sonst aber über keine einschlägigen handwerklichen Erfahrungen verfügt? Oder würden Sie Ihr Eigenheim von jemandem entwerfen lassen, der abseits vom Lego-Spiel keine Gartenhütte, geschweige denn ein Haus gebaut hat? Doch halt, an selbst ernannten Häuslbauern mangelt es in Österreich nicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lassen sich Beispiele wie diese eins zu eins auf die Politik übertragen? Sind Quereinsteiger tatsächlich die schlechteren Politiker? Oder sind sie gar die besseren Politiker? Die Frage ist einfach gestellt, aber schwer bis gar nicht generell und eindeutig zu beantworten. Leider. Auffallend ist jedenfalls, dass – siehe Donald Trump, das Kabinett des Emmanuel Macron oder, um zurück nach Österreich zu gelangen, Christian Kern (schon vergessen?) – zuletzt die Dichte der Quereinsteier in der Politik deutlich zugenommen hat.

Der neue ÖVP-Obmann, Sebastian Kurz, hat es am Dienstag wieder mit einem simplen Trick geschafft, Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen. Oft sind es die naheliegendsten Dinge, die besonders gut funktionieren. Während andere Parteien fantasie- und lieblos ihre Kandidatenlisten für die Nationalratswahl am 15. Oktober ohne viel Federlesens in einem Zug präsentieren und mit wenigen Ausnahmen dort nur politische Vollprofis reihen, betreibt der Mann, der sich zum Ziel gesetzt hat, die SPÖ vom Platz eins zu verdrängen, Namedropping für Fortgeschrittene. Woche für Woche wird von ihm ein Kandidat von außen für seine Bundesliste vorgestellt, dankbar greifen die Medien (mit ihren oft nicht allein urlaubsbedingt personell ausgedünnten Redaktionen) das Ereignis auf. Wie konnten eigentlich nur all die vergangenen Sommer innenpolitisch überstanden werden? Am Dienstag hat Kurz nun den Mathematiker Rudolf Taschner vorgestellt.

Dass ein Einstieg in die Politik für die meisten tatsächlich besonders attraktiv erscheint, darf bezweifelt werden. Für besser Qualifizierte und in der Wirtschaft Etablierte ist das Gehalt in politischen Funktionen oder Ämtern vergleichsweise gering – und das bei einer zeitlich extrem beanspruchenden Tätigkeit unter ständiger öffentlicher Beobachtung und Kritik.

Gleichzeitig erscheinen Quereinsteiger für politische Strategen besonders attraktiv zu sein. Sie sind zwar weniger berechenbar als zurechtgestutzte Funktionäre aus dem Schoß der Partei, sorgen aber jedenfalls verlässlich auch in einer breiteren, nicht unbedingt politikaffinen Wählerschaft für hohe Aufmerksamkeit, im besten Fall sogar für so etwas wie Glamour, der auf den Spitzenkandidaten oder die Partei abstrahlt. Und für eine Durchflutung politischer Gremien mit neuen Ideen aus der nicht ganz unbedeutenden Welt weit abseits des oft hermetischen, manchmal fast autistischen Systems namens Politik. Obgleich Parteiapparate dazu neigen, sich gegen Derartiges zu wappnen.

Sollen Quereinsteiger aber mehr sein als bloße Stimmenbringer, müssen sie sich rasch das politische Handwerk aneignen. Denn selbstverständlich ist Politiker-Sein ein Beruf, der ein gerüttelt Maß an Professionalität erfordert. Talent, wie immer das aussehen mag, oder der Hang zum Politisieren reicht nicht. Zu viele Beispiele gescheiterter Quereinsteiger säumen den politischen Pfad.

Die Auseinandersetzung zwischen Christian Kern und Sebastian Kurz um den politischen Führungsanspruch in Österreich kann auch als Duell Quereinsteiger gegen Berufspolitiker gelesen werden. Hier der Manager mit Vergangenheit als Pressesprecher für die SPÖ und dann als Manager im staatsnahen Bereich – dort der Berufspolitiker, der das Handwerk von Jugendtagen an gelernt hat. Der Ausgang des Duells zweier Grundentwürfe des Politikers wird für künftige Rekrutierungen der Parteien und deren Zukunft von nicht geringer Bedeutung sein.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2017)