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Eva Dichand: "EU-Kritik gilt als Majestätsbeleidigung"

Eva Dichand
(c) Michaela Bruckberger
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Eva Dichand ist Geschäftsführerin und Herausgeberin der Gratiszeitung "Heute". Davor war sie im Finanzsektor tätig. Sie ist "pro EU", aber gegen das Brüsseler "Bonzentum". Ein "Presse"-Interview.

„Die Presse“: Sie sind dreifache Mutter – sehr ungewöhnlich für eine Karrierefrau. Warum bleiben gebildete, erfolgreiche Frauen in Österreich so oft kinderlos?

Eva Dichand: Weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen.

 

Man muss einen Millionär als Schwiegervater haben?

Dichand: Nein. Aber gerade für die Mittelschicht ist die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuung wichtig (die seit heuer möglich ist, allerdings nur bis zu einer Höhe von 2300 Euro pro Jahr und Kind, Anm.) Wenn man jemanden zum Kollektivvertrag mit 15 Monatsgehältern anstellt, dann gibt's nur zwei Möglichkeiten: Entweder du hast schon vorher so viel verdient, dass du dir das leisten kannst – oder du hast einen Mann, der das inzwischen zahlt. Später kommt dann noch das Kindergartenproblem dazu. Da gibt es dann im 19. Bezirk einen einzigen Kindergarten mit 20 Plätzen und Betreuung bis 17 Uhr. Alle anderen sperren mittags zu. Wenn die Mutter aber ein, zwei Jahre daheim bleibt, weil's was anderes finanziell nicht spielt, wird sie in der Karriere zurückgeworfen. Jetzt wird's aber eh besser, wir sind auf dem richtigen Weg.

 

In Deutschland diskutiert man darüber, dass nur mehr die Unterschicht Kinder in die Welt setzt. Sehen Sie das auch als Problem?

Dichand: Da ist wahrscheinlich was Wahres dran, zumindest, was die Anzahl der Kinder betrifft. Daher ist die Debatte über das Sozialtransferkonto vielleicht nicht schlecht. Wer 1000 Euro netto verdient, hat mit allen Zuschüssen einen deutlich geringeren Verlust als jemand, der 3000 netto verdient.


Denken Gebildete vielleicht einfach zu viel über die optimalen Bedingungen für die Elternschaft nach?

Dichand: Kann sein. Und es ist gesellschaftlich noch immer nicht akzeptiert, wenn Frauen mit kleinen Kindern schnell wieder arbeiten gehen. Da hört man dann oft: „Wie kann sie das nur tun!“ Man sollte es den Menschen selbst überlassen.


Im Buch „Das dämliche Geschlecht“ kritisiert die deutsche Journalistin Barbara Bierach, dass es nicht die Männer sind, die die Frauen an der Karriere hindern, sondern die Frauen selbst, die die Karriere anstrengend finden und sich lieber in Mutterschaft und Haushalt flüchten.

Dichand: Das mache ich in meinem nächsten Leben auch. (lacht) Letztlich braucht man, um Karriere und Kinder vereinbaren zu können, die ganze Unterstützung und Zustimmung des Partners. Gott sei Dank werden Männer, die die Frau nur bei Kind und Herd haben wollen, auch weniger.

 

„Heute“ fährt zumindest bei den Studenten eine ganz andere Linie als die „Krone“. Gibt's eine Aufgabenverteilung: „Heute“ ist die Zeitung der Jungen und damit auch der demonstrierenden Studenten, die „Krone“ hingegen das Pensionistenblatt?

Dichand: Das stimmt so nicht! Die „Krone“ hat in absoluten Zahlen immer noch die meisten Leser in allen Alterskategorien. Außerdem wird uns immer vorgeworfen, dass wir alles gleich machen! Es glaubt zwar keiner: Aber zwischen „Krone“ und „Heute“ gibt es wirklich keine Abstimmung.

 

Ist es Kalkül, dass „Heute“ für die Audimax-Besetzer schreibt?

Dichand: Unsere Redaktion ist ja im Schnitt dreißig, die interessieren sich natürlich für solche Themen.

 

Haben Sie die Linie vorgegeben?

Dichand: Nein. Meine Redaktion und ich sind nicht immer einer Meinung (lacht). Aber das ist nicht mein Überlebensthema.

 

In EU-Geschichten herrscht hingegen Übereinstimmung mit der „Krone“.

Dichand: Finden Sie? Da haben wir doch eine ganz andere Blattlinie!

 

Beide sind extrem kritisch und prangern das EU-„Bonzentum“ an.

Dichand: „Heute“ ist generell pro EU. Betreffend Bonzentum haben wir auch vollkommen recht: Das ist doch Wahnsinn, was sich da abspielt! Der Lissabon-Vertrag war hingegen in „Heute“ kein Thema, weil ich meine, das interessiert die Jungen nicht. Wir wollen uns aber nicht damit abfinden, dass Kritik an der EU als Majestätsbeleidigung gilt. Ich glaube an gewisse Sachen einfach nicht: Es geht nicht, dass wir noch fünf Länder in die EU aufnehmen, weil wir ohnehin 20 Jahre brauchen werden, um die vielen, neu aufgenommenen osteuropäischen Länder zu integrieren. Drei Stunden östlich von Budapest verdient ein Arzt nur mehr 600 Euro. Da fragt man sich schon, wie das funktionieren soll. Unsere Zukunft liegt in der EU, aber diese sollte sich auf wirtschaftliche Fragen wie Protektion der eigenen Märkte und Ähnliches konzentrieren.

 

Aber gerade die EU-Kritiker verlangen doch immer, dass die EU nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Sozialunion ist.

Dichand: Auch andere Länder wie zum Beispiel Deutschland werden immer EU-kritischer. Betrachten Sie die Entscheidung der deutschen Verfassungsrichter zum Lissabon-Vertrag (vom Juni 2009, Anm.): Die EU sollte diesem Urteil zufolge nicht die Verfassung eines Landes außer Kraft setzen können.

 

Europa steht auch für Umverteilung – von reichen zu armen Ländern.

Dichand: Ja, und wir als eines der reichsten Länder werden in den nächsten 20 Jahren hauptsächlich zahlen.

 

Was man natürlich auch als Friedensprojekt sehen könnte oder als Sicherheitsprojekt, weil der Kriminalitätstourismus sinkt, wenn der Wohlstand in armen Ländern steigt.

Dichand: Man muss schon sehen, dass zum Beispiel nach Ostdeutschland in den letzten Jahren Milliarden aus Westdeutschland geflossen sind. Aber der wirtschaftliche und soziale Unterschied ist selbst jetzt nach 20 Jahren noch immer deutlich sichtbar. Was glauben Sie, was in Rumänien oder Bulgarien noch passieren muss, bis die unseren Stand erreichen! Man hat das unterschätzt und die Erweiterung zu schnell vorangetrieben.

 

In Österreich ist es doch speziell so, dass Boulevardmedien der EU kritisch gegenüberstehen und große Teile der Politik das nachahmen.

Dichand: Das ist aber eher ein Problem der Politik als der Boulevardmedien. Ein guter Politiker muss eine Vision haben und sie umsetzen, dann folgen auch die Medien.

 

Wie halten Sie denn von unserer derzeitigen Regierung?

Dichand: Angesichts der wirtschaftlich schwierigen Zeiten machen sie es nicht so schlecht. Ich fände große Kritik im Moment verfrüht und übertrieben. Man muss die Regierung jetzt mal leben lassen.


Was müsste passieren, damit „Heute“ die Wiener SPÖ und speziell Michael Häupl kritisiert?

Dichand: Wir sind nicht unkritisch und schreiben zum Beispiel viel über Kriminalität. Ich bin aber zutiefst überzeugt, dass Michael Häupl das nicht schlecht macht. Wir leben in einer Superstadt, es geht uns vergleichsweise sehr gut.„Heute“ ist parteipolitisch nicht zuordenbar, sondern eher sachpolitisch orientiert.

 

Die Stadt Wien und sozialdemokratische Minister inserieren wie die Wilden bei Ihnen.

Dichand: Wir haben halt täglich 680.000 Leser und sind mit Abstand Österreichs jüngstes Medium mit über 50 Prozent Reichweite bei den unter Dreißigjährigen. Die politischen Parteien sind genau dort – bei den Jungen – eher schwach.

 

Was lesen Junge künftig? Nur mehr Häppchenjournalismus?

Dichand: Wenn wir das wüssten! Diese Generation wächst mit der Meinung auf, dass Information gratis sein muss. Vielleicht sind wir das Einstiegsmedium für Junge.

 

Trotzdem sehen Sie interessanterweise die Zukunft des Qualitätsjournalismus nicht im Onlinebereich.

Dichand: Ein Qualitätsmedium muss viel Geld für gute Journalisten ausgeben, das man mit Online nicht verdient. Für hochkarätigen Journalismus wird es immer Abnehmer geben, aber vielleicht wird eine Zeitung einmal fünf Euro kosten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2009)

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