Gastkommentar

Nur Rechte, aber kaum Pflichten: Der Feminismus war schon weiter

In der Diskussion über die gesellschaftsverändernde Zuwanderung liegen auch die erreichten Frauenrechte auf dem Altar der politischen Korrektheit.

Wer in die Zukunft blickt, sollte sich in der Vergangenheit informieren. Der Feminismus war schon einmal weiter. Und zwar vor etwa einem Jahrhundert. Es gab in den 1920er-Jahren mehr weibliche Abgeordnete als 1975. Seit Jahren warnen namhafte Feministinnen vor einer drohenden Rückentwicklung bei wohlerworbenen Frauenrechten – auch wenn es von diesen nie genug geben könne.

Der Konstruktionsfehler liegt möglicherweise in der kompromisslos eingeforderten Gleichstellung von (kinderlosen) Frauen mit Müttern. Denn Frauen sind Ursprung und Bewahrer des (auch männlichen) Lebens, obwohl es gefährlich kitschig klingt. In der Evolution sind Weibchen deutlich wichtiger als Männchen.

Feminismus ohne Matriarchat jedoch scheint ein Irrweg. Denn wer keinen Sinn und Lebenszweck in der Arterhaltung sieht, braucht sich gar nicht um die Zukunft zu bekümmern. Mitte der 1970er-Jahre wurde der Matriarchatsbegriff mehrheitlich verworfen und durch die Schlagwörter Emanzipation und Feminismus ersetzt.

Links, grün und grünlinks

Feminismus ist ein Narrativ, ein Mythos, eine ideologisch aufgeladene Erzählung. Seither tummeln sich etliche Spielarten in diesem Biotop. Soziokulturelle Strömungen – mit Vorliebe grün, links und grünlinks – finden darin ein lohnendes Betätigungsfeld.

Schnell wurde das Patriarchat hauptverantwortlich gemacht für soziale Zustände und kapitalistische Zwänge. Das Matriarchat hingegen wurde als bestmöglicher Urzustand der Gesellschaft interpretiert. Und was einst Müttern vorbehalten war, ging nun auf die Frau als Narrativ der potenziellen Mutter über.

„Frauenrechte“ wurden immer stärker geltend gemacht und verkamen zur eigenständigen politischen Weltanschauung. Ein Forderungskatalog jagte den nächsten. Nur Rechte (als Frau), aber kaum Pflichten (als Mutter). Eine Generation Anspruchsdenken. Alles nur, solange es den Bewohnerinnen in ihren Elfenbeintürmchen zum eigenen Vorteil gereichte. Plätze in Aufsichtsräten, aber nicht vor dem Hochofen. Ein Zugeständnis der in Permanenz erhobenen Forderungen ist, dass eine frauenbeherrschte Gesellschaft besser dastünde. Obwohl – Widerspruch! – das Geschlecht ja nur eine soziale Konstruktion sein soll, laut der feministischen Säulenheiligen Judith Butler. Der Bildungssektor mit zwei Dritteln Frauenanteil wird nur thematisiert, wenn sich daraus eine Forderung ableiten lässt.

Unverhandelbare Werte

Das Matriarchat lässt sich spiegelbildlich zum Patriarchat historisch nicht belegen. Das Patriarchat als Schutz und Sozialsystem hat sich über Jahrtausende bewährt – und wird weiter bestehen. Egal, wie oft die Frauenrechtskämpferinnen von Femen noch ihre beschrifteten Oberkörper dagegen entblößen werden.

In der laufenden Diskussion über die gesellschaftsverändernde Zuwanderung liegen die erreichten Frauenrechte wieder auf dem Altar der politischen Korrektheit. Vorerst werden sie nur „täglich neu verhandelt“, bald schon werden sie der veränderten Geschlechterparität geopfert. Das scheinen wohlstandsverwahrloste Weibchen nicht zu begreifen, wenn sie als „nützliche Idioten“ (© Lenin) mit der politischen „Aktivistin“ Linda Sarsour für die Scharia und Frauenrechte demonstrieren.

Die Situation westlicher Frauen stellt eine einmalige Singularität in der Menschheitsgeschichte dar. Erstmalig haben Mädchen von klein auf die Möglichkeit, sich frei zu entfalten und zu entwickeln, auch wenn das aus taktischen Gründen oft in Abrede gestellt wird. Der Umstand, sich nicht vor der eigenen Biologie oder vor jedem ihnen begegnenden Mann fürchten zu müssen, ist eine gewaltige Innovation.

Rechtsstaat und öffentliche Sicherheit gewährleisten und garantieren Bewegungsfreiheit. Die moderne Medizin schützt besonders vor und bei Schwangerschaft, Gendermedizin ist auch ein wichtiger Aspekt der rasanten Entwicklung. Die Dienstleistungsgesellschaft erlaubt ein eigenständiges Auskommen ohne männliche Körperkraft. Der Sozialstaat ersetzt Ehemann und Familie. Viele Jobanforderungen sind auf Frauen zugeschnitten.

Gerade deswegen, weil es Frauen erstmals möglich ist, selbstbestimmte und relativ zwangfreie, von Männern und Ernährern unabhängige Lebensentwürfe zu führen, sollten wir als funktionierende Zivilgesellschaft niemals einen Rückschritt akzeptieren. Diese Werte sind nicht verhandelbar. Schon gar nicht dürfen archaische Riten aus falsch verstandener Toleranz durch unverschämt und dreist eingeforderten Respekt zu einem Verhandlungsgegenstand werden, um das Erreichte zurückzufahren. Bei der Integrationsdebatte kann und darf es keine Kollateralschäden geben, die auf Kosten der Frauenrechte gehen.

Unpassendes Leid

Islamkritiker erheben schon seit Jahren ihre Stimmen. Muslimische Frauenrechtlerinnen weisen seit Langem auf den Unwillen hin, mit dem die Mehrheitsgesellschaft das politisch inkorrekte und unpassende Leid von muslimischen Frauen nicht hören will.

Doch während die kleine, laute Minderheit der genderaffinen Rosinenpickerinnen weitere Privilegien einfordert, wird der öffentliche Raum still und leise maskulinisiert. Unumkehrbar werden hier vollendete Tatsachen geschaffen, die im weiteren Ausmaß alle betreffen werden. Am meisten die moderne Frau.

Die „unmoderne, altertümliche“ Frau allerdings weiß schon jetzt unter Garantie, wer sie wo und wie beschützen wird.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Karl Weidinger (geb. 1962) ist Schriftsteller und Übersetzer mit Vorliebe für Gesellschaftskritik. Er arbeitete als Werbetexter und Kreativdirektor und war Mitglied von Stefan Webers Drahdiwaberl. Mehrere Bücher, u.a.: „Die Verhaftung der Dunkelheit wegen Einbruchs“ (2003), „Die schönsten Liebeslieder von Slipknot“ (2007).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2017)

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