Haydn an der Wien: Tom Turbo & bezaubernde Jeannie

Il mondo della luna - SENDUNG ORF2 - SA - 05122009 - 22 00 UHR
Il mondo della luna - SENDUNG ORF2 - SA - 05122009 - 22 00 UHR(c) ORF (Ali Schafler)
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Nikolaus Harnoncourt dirigierte zu seinem Achtziger Haydns "Welt auf dem Monde" in einer unausgegorenen Trash-Regie von Tobias Moretti.

Warum Joseph Haydn als Opernkomponist bis heute so sträflich vernachlässigt wird? Im Theater an der Wien hat sich diese Frage keinen Moment lang gestellt. Die fesselnde, plastische Klangrede, die Nikolaus Harnoncourt vom Pult aus anstachelt, wird auch am Vorabend seines 80. Geburtstags unvermindert – nein, es muss heißen: mehr denn je – aufgeheizt von fanatischer Dringlichkeit und einer unbedingten Überzeugung: nämlich vielleicht nicht für alle Ewigkeit, aber doch für diesen einen klingenden Moment alles nur auf diese eine, ihm ureigene, zugespitzte Art realisieren zu können.

Vor diesem Hintergrund wird auch jedes musikalische Detail, das in weniger konzis durchgearbeitetem Kontext seltsam überinterpretiert wirken müsste, schlüssig in seiner einzig richtigen Lesart präsentiert. Wie kein anderes Ensemble weiß ihm da der Concentus Musicus jeden expressiven Wunsch zu erfüllen: Haydns stets mehrdeutige Musik, die bei diesem hintersinnigen „Dramma giocoso“ nach Goldoni zwischen scharf geschnittener, ernster Charakterisierung, idyllisch-lautmalerischen Naturstimmungen und Buffa-Turbulenz vermittelt, findet in diesen mit allen Wassern historischer Aufführungspraxis gewaschenen Musikern ebenso penible wie mitreißende Anwälte. Schon in der Sinfonia zu Beginn kosten sie extreme Kontraste zwischen verhauchendem Pianissimo und aggressiven Tutti-Attacken mit großer Lust aus. Szenisch vor allem, genau genommen aber auch sängerisch kann die Produktion mit dieser im Graben vorgegebenen Qualität nicht mithalten. Freilich ist Dietrich Henschel das physisch stark geforderte, ungemein präsente Zentrum des Abends: Buonafede, der griesgrämige Alte, dem seine verliebten Töchter und deren ihm unstandesgemäß scheinende Verehrer übel mitspielen.

SM-Fantasien im rosa Pluderhöschen

Henschel macht alles mit, was sich Regisseur Tobias Moretti hat einfallen lassen – bauchfreies rot-rosa Pluderhöschen à la „Bezaubernde Jeannie“ inbegriffen (Kostüme: Heidi Hackl). Gewiss, seine Autorität muss nach Strich und Faden verspottet werden. Doch: Der vielversprechende Ansatz, den korrekten Biedermann als paranoiden Kontrollfreak mit prononcierten SM-Fantasien zu entlarven, die ihn erst so richtig auf den Schwindel mit der Welt auf dem Mond hereinfallen lassen, versandet im Lauf des Abends, wird von Gags zugemüllt, die anlässlich der güldenen Flitter-Trash-Mondwelt Anleihen etwa bei etwa Brezinas „Tom Turbo“ so wenig scheuen wie Verweise auf ein Tiroler Skigebiet nebst Sessellift.

Als Buonafedes Konflikt und Läuterung klarzumachen wäre, versagt die Regie kläglich – da kann sich die aufwendige Bühne (Renate Martin, Andreas Donhauser) drehen und wenden, heben oder senken, wie sie will. Allzu viel bleibt offen, unausgegoren, unbewältigt. Hinzu kommt Henschels zwar markanter, aber recht nasaler, wenig geschmeidiger Bariton, dem italienische Buffa-Eloquenz ebenso fehlt wie Markus Schäfer als Diener Cecco, der in der verkehrten Mondwelt den Kaiser mimen darf – ausgestattet mit den Reichsinsignien Krone und Umhang, sprich: Trockenhaube und Windschutzscheibenabdeckung.

Der Rest des Ensembles ist aus anderem vokalem Holz geschnitzt: Neben der trefflichen Vivica Genaux als Luxusbesetzung für den Ernesto und Maite Beaumont als rescher Lisetta erfreuten die jungen, frischen Stimmen von Bernard Richter, der den Ecclitico als gewieften Hallodri gab, sowie von Christina Landshamer und Anja Nina Bahrmann als ungleiches Schwesternpaar Clarice und Flaminia.

Jubel für Harnoncourt, zaghafter Widerspruch für die Regie: ein fast einhelliger Geburtstagserfolg für Dirigent und Komponist.

AUF EINEN BLICK

Nikolaus Harnoncourt fesselt mit Haydn im Theater an der Wien; gute darstellerische, gemischte sängerische Leistungen. Weitere Opernaufführungen: „L'incoronazione di Poppea“ von Monteverdi (Premiere: 21.1.2010)mit Christopher Moulds (Dirigent), Robert Carsen (Regie). Johannes Kalitzke: „Die Besessenen“ (19.2.), Dirigent: Kalitzke, Regisseur: Kasper Bech Holten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2009)

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