Das Warten auf Godot kann auch sehr lustig sein

Ignaz Kirchner, Michael Maertens, Ernst Stoetzner
(c) AP (Stephan Trierenberg)

Matthias Hartmann zeigt seine sieben Jahre alte Beckett-Inszenierung aus Bochum: zäher Start, am Schluss Begeisterung.

Was wurde nicht schon alles in diesen Klassiker der Moderne hineininterpretiert: Beckett präsentiert dem Existenzialismus die Rechnung, schrieb Adorno. „Nur Lust an der Verzweiflung und Wehgeschrei, ein hundsmiserables Stück“, schimpfte Becketts Landsmann Sean O'Casey.

„Warten auf Godot“, 1953 uraufgeführt, brachte den Durchbruch für den irischen Nobelpreisträger Samuel Beckett, der zuvor als Schriftsteller wenig erfolgreich war. Ein philosophischer Diskurs über das Sein und das Nichts? Angewandter Nihilismus? Eine Beziehungskiste? Ein Sandlerkrimi? Eine Parabel über das Alter? Zwei Dinge stehen wohl mehr oder weniger fest: Beckett verarbeitete im „Godot“ seine depressiven Jahre als unbekannter Autor – und den II. Weltkrieg. Trotzdem ist dieses Stück immer auch komisch. Matthias Hartmann hielt sich mit Theorien nicht weiter auf: Er wählte den Theaterspaß. Für diesen hat er Schauspieler, denen man nicht erklären muss, was der Unterschied zwischen Witz mit Tiefgang und Schenkel klopfen ist. Trotzdem kommt die Aufführung, die während Hartmanns Intendanz in Bochum herauskam, nur langsam in Gang. Vielleicht liegt das am Stück.

Nichts altert so rabiat wie die Avantgarde. Oft. Hier ist das keineswegs der Fall. Auch heute noch muss man herzlich lachen, wenn man den Text liest. Aber man muss sich auch einhören – und das dauert.

 

Herrlicher Slapstick, bedrohliche Folter

Michael Maertens und Ernst Stötzner schienen bei der Premiere am Samstag anfangs gegen eine Mauer anzuspielen, die sich aber mit der Zeit immer mehr in Heiterkeit auflöste. Die zwei kämpften wirklich tapfer und strahlten am Ende. Keine leichte Sache.

Der letzte „Godot“ an der Burg unter Peymann war trotz guter Besetzung (Branko Samarovski!) eine sehr langweilige Angelegenheit. Mit einer melancholisch-verträumten Version brillierte vor Jahren Luc Bondy bei den Festwochen. Wunderbar ist Karl-Ernst Herrmanns Bühne: Hinten der Mond, der Wandelbare, über dem Bühnenboden schwebt eine lang gestreckte Spielfläche in der Schräge; ein geknicktes Bäumchen scheint aus einem Riesenkürbis unter der Platte zu wachsen. Vielleicht ist das ja auch das, was von der Erde nach dem finalen Vulkanausbruch 2012 übrig bleiben wird.

Aber, wie gesagt, die Katastrophen lauern hier im Kleinen: In einem Schuh, der nicht vom Fuß will, im Urin, der nicht fließen will – so fast obszön deutlich sah man Wladimir noch nie an seiner Prostata leiden, aber Hartmann scheut auch die Klamotte nicht – und in dem ständigen Versuch Wladimirs und Estragons auseinander- oder wegzugehen. Es gibt viel herrlichen Slapstick. Ein einsamer Höhepunkt in dieser hohen Kunst, die Maertens (Wladimir) und Stötzner (Estragon) famos beherrschen, wird gegen Schluss erreicht, wenn die beiden ein letztes Mal versuchen, sich mit einem schleißigen Strick am jämmerlichen Bäumchen aufzuhängen. Der Strick reißt.

Das bedrohliche Element ist wie stets bei Ignaz Kirchner als Pozzo bestens aufgehoben, einem gänsehautfördernden Menschenschinder. Im zweiten Teil ließ ihn Beckett erblinden und Hartmann wie einen Käfer auf den Rücken fallen – die gerechte Strafe. Marcus Kiepe spielt Pozzos misshandelten Knecht Lucky. Er bekommt Szenenapplaus für die köstliche Darbietung von Becketts Parodie auf den akademischen Diskurs. Als Junge, der Wladimir und Estragon ständig wegen des ausbleibenden Godot vertrösten muss, platziert Lenny Furlic so punktgenau seine kurzen Antworten, als hätte er sie nicht auswendig gelernt. Über Beckett ist viel Geschwätz im Umlauf. Das Programmheft lässt den Dichter menschlich plastisch werden (Dramaturgie: Thomas Oberender). Eine gelungene Aufführung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2009)