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Erdogans Türkei rückt vom Westen ab

Obama und Erdogan in Ankara
(c) EPA (Kerim Okten)

Der türkische Premierminister trifft am Montag in Washington US-Präsident Obama. Amerikas Wunsch nach mehr türkischen Truppen in Afghanistan will er nicht erfüllen. Auch beim Iran geht er eigene Wege.

Wenn US-Präsident Barack Obama am Montag den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Washington trifft, wird er ihn offiziell wohl kaum um Soldaten für Afghanistan bitten. Wenn Obama einen Verbündeten einzeln bitten muss, dann sieht das nicht so gut aus, vor allem, wenn man sich am Ende noch eine Absage holt – und das auch noch von den Türken.

Obama braucht möglichst viele europäische Soldaten am Hindukusch, vor allem aus innenpolitischen Gründen, militärisch machen ein paar tausend Europäer mehr oder weniger wohl nicht den großen Unterschied. Mit den Türken ist das nicht ganz so. Immerhin zeigen sie, dass auch Muslime auf der Seite des Westens kämpfen, sie kennen sich in der Region am besten aus und haben lange Erfahrung im Kampf gegen die allerdings relativ kleine Guerilla-Armee der kurdischen PKK.

 

Angst vor „Ansehensverlust“

Doch Erdogan fand kurz vor Beginn seiner Reise klare Worte: Die Türkei habe bereits „ausreichend viele“ Soldaten in Afghanistan.

Der US-Botschafter in Ankara, James Jeffrey, hat das Thema bereits vergangene Woche deutlich angesprochen. Jeffrey meinte, Verbündete wie die Türkei müssten sich beweglicher zeigen, wenn es um die Teilnahme an Kämpfen ginge. Darauf erklärte bereits der türkische Staatspräsident Abdullah Gül ohne Wenn und Aber, dass die Türkei keine zusätzlichen Soldaten nach Afghanistan schickt. Um keine Krise aufkommen zu lassen, blieb Obamas Sonderbeauftragten für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, nichts anderes übrig, als den Wunsch der USA nach Kampfeinheiten auf Anfrage türkischer Medien zu dementieren.

Die Weigerung Ankaras, die USA in Afghanistan stärker zu unterstützen, hat mehrere Gründe. Etwa, weil zirka zehn Prozent der Afghanen Angehörige von Turkvölkern, nämlich Usbeken und Turkmenen, sind. Eine türkische Truppe in Afghanistan würde in dem ethnisch sehr gemischten Land nicht als neutral angesehen werden. Doch diese Bedenken gab es vor einigen Jahren noch nicht, als die Türkei zeitweise sogar die Führung der Isaf-Schutztruppe in Afghanistan übernommen hatte.

Die Bedenken Ankaras sind neueren Datums, und der türkische Staatspräsident Abdullah Gül brachte sie durchaus auf den Punkt, als er sagte: „Wenn die Türkei Kräfte in den Kampf schickt, dann verliert sie eine Kraft, die jeder, einschließlich der Taliban, achtet.“ Soll heißen, die Türkei habe sich in letzter Zeit Ansehen erworben, nicht zuletzt auch bei radikalen, antiwestlichen Kräften, doch dieses Kapital verliert sie, wenn sie auf der anderen Seite deutlich Flagge zeigt.

 

Türken-Schutz für Teheran

Das gilt nicht nur in Afghanistan. US-Präsident Obama wird bei seiner Unterredung mit Erdogan auch den Atomstreit mit dem Iran aufs Tapet bringen. Die Amerikaner möchten härtere Sanktionen gegen Teheran durchsetzen und für diese Maßnahmen auch die Türkei gewinnen. Doch im Atomstreit hat Erdogan bisher nicht etwa eine vorsichtige oder neutrale Position bezogen, er hat sich ohne Vorbehalte auf die iranische Seite gestellt. Falls sich die Krise weiter verschärft, und es sieht danach aus, dürfte sich die Türkei wieder verweigern, diesmal beim Druck auf Teheran.

Schon George W. Bush hat die Türkei als Brücke zwischen Osten und Westen gesehen. Die Aufwertung der Türkei in der islamischen Welt war daher hochwillkommen. Das ist gelungen. Doch die Türkei verdankt dieses Ansehen vor allem dem Abweichen von westlichen Positionen und der Kritik an Israel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 7. Dezember 2009)