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Gastkommentar

Der Jude und der Muslim: Orbán und „die anderen“

Das Spiel des ungarischen Premierministers mit antisemitischen Codes.

Die illiberale Demokratie des Viktor Orbán schreitet voran. So auch die fortlaufende Feindbildkonstruktion, die einen wesentlichen Bestandteil zur Aufrechterhaltung und Expansion seiner Herrschaft bildet.

Seit geraumer Zeit dauern die Attacken der Fidesz-Regierung gegen den ungarisch-amerikanischen Milliardär und Philanthropen George Soros nun schon an. Dabei hätte Orbán seinem neuen Erzfeind einiges zu verdanken. Mit einem von Soros finanzierten Stipendium war er einst an die Universität Oxford gekommen, um die Welt außerhalb des kommunistischen Horizonts kennenzulernen. 2010 spendierte Soros zum Wiederaufbau der verwüsteten Stadt Devecser der Regierung Orbán eine Million Dollar. Aber Tatsachen überzeugen selten Vorurteile, wie man aus der Vorurteils- und Rassismusforschung weiß.

Nicht nur die von Soros gegründete Eliteeinrichtung Central European University (CEU) in Budapest ist neuerdings ins Visier der Regierenden geraten, Orbán wettert auch gegen den „Soros-Plan“. Angeblich soll der „Milliardenspekulant“ (O-Ton Orbán) den Plan verfolgen, Tausende Flüchtlinge in Ungarn anzusiedeln. Soros und die EU wollten so den christlichen Charakter Europas aufs Spiel setzen und ein „gemischtes, islamisiertes Europa“ kreieren. Um das zu erreichen, würden sie die Entchristianisierung vorantreiben.

 

Anspielung auf die US-Ostküste

Zwar wird Orbán nachgesagt, dass er kein Antisemit sei, aber das ist völlig irrelevant. Politisch bedient er sich des Antisemitismus. Antisemitische Aufschriften wie „Stinkender Jude“ waren auf Plakaten der Regierungspartei Fidesz zu finden. Und das nicht zufällig: Orbáns Anspielungen auf seinen Lieblingsfeind Soros enthalten oft antisemitische Codes.

Soros, so Orbán, sei in Brüssel zu Hause, während sein Einfluss in Washington und Tel Aviv sinke. Orbáns Bild zeichnet einen Strippenzieher und spielt auf die Ostküste als Zentrum des jüdischen Weltkapitals neben Israel an. Während Orbán für eine nationalistische Agenda steht, repräsentiert sein Gegenüber Soros das kosmopolitische supranationale Gebilde.

 

Rechtsextreme Kreise jubeln

Die antisemitischen Angriffe auf Soros gehen dabei Hand in Hand mit islamophoben Wahnvorstellungen. In rechtsextremen Kreisen wird Orbán bejubelt, weil er eine klare Position gegen die Islamisierung Europas einnehme.

Es sollte wenig verwundern, dass hier Antisemitismus und Islamophobie Hand in Hand gehen. Bereits Edward Said benannte in seinem Opus magnum „Orientalismus“ den Antisemitismus als den „stillen Begleiter“ der Imagination des „orientalischen anderen“ außerhalb Europas. Tatsächlich ergänzen sich das Bild des orientalischen „anderen“ in der Figur des Juden und des Muslims. Ersterer war der orientalische andere im Inneren, Zweiterer der orientalische andere im Äußeren.

Diese Bilder wirkten auch später weiter. Um zwei Beispiele zu nennen: Während Juden im Mittelalter die Brunnenvergiftung unterstellt wurde, hieß es, dass Muslime sie dazu angestiftet hätten. Und während der Reformation hieß es, dass Juden mit dem Teufel arbeiten würden, die einen Pakt mit den türkischen Muslimen hätten.

Heute ist es eine jüdische Weltverschwörung, die mithilfe der Islamisierung das christliche Abendland in Gefahr bringe. Und Viktor Orbán inszeniert sich nun als Retter Europas: Ein imaginiertes rassisch reines, christliches Europa, das er vor dem Einfluss eines jüdischen Weltbürgertums, das einen Pakt mit Muslimen geschlossen habe, schützen wolle.

Farid Hafez ist Senior Research Fellow bei The Bridge Initiative an der Georgetown University. Er lehrt und forscht als Politikwissenschaftler an der Universität Salzburg.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2017)