Schnellauswahl

Gefälschte Medikamente überschwemmen Europa

FAKE VIAGRA
(c) AP (Greg Baker)
  • Drucken

Die EU-Kommission fand bei Zollkontrollen in nur zwei Monaten rund 32 Millionen gefälschter Tabletten. Industriekommissar Verheugen will den Kampf gegen den "versuchten Massenmord" intensivieren.

Es muss nicht immer das Original sein. Gerade bei Medikamenten helfen manchmal auch Nachbauten, die "Generika". Doch im Gegensatz zu diesen erlaubten Kopien überschwemmen derzeit "echt gefälschte" Arzneimittel Europa. Industriekommissar Günter Verheugen sagte der Zeitung "Die Welt": "Die Zahl der gefälschten Arzneimittel in Europa, die beim Patienten landen, steigt immer mehr. Die EU-Kommission ist darüber äußerst besorgt".

Krebsmittel und Viagra

Es handle sich vor allem um Antibiotika, Krebs- und Malariamedikamente, cholesterinsenkende Arzneien sowie Schmerzmittel und Viagra, sagte Verheugen laut Vorabmeldung des Blatts. "Die Europäische Union hat bei gezielten Zollkontrollen in allen Mitgliedsländern innerhalb von nur zwei Monaten allein 32 Millionen gefälschte Tabletten sichergestellt. Das hat alle Befürchtungen übertroffen."

Erst im November hatte außerdem die Polizeiorganisation Interpol die Operation Pangea II gegen illegalen Medikamentenhandel im Internet durchgeführt. An der in 24 Ländern, darunter Österreich, durchgeführten Aktion war die WHO beteiligt.

Während der knapp einwöchigen Kontrollen hatten die Ermittler

  • 751 Webseiten mit illegalen Aktivitäten entdeckt
  • 72 wurden geschlossen
  • 995 Medikamentenpäckchen wurden abgefangen und
  • fast 167.000 illegale und gefälschte Tabletten beschlagnahmt
  • 22 Verdächtigen wurde u.a. der Verkauf von nachgemachten oder verschreibungspflichtigen Arzneimitteln vorgeworfen.

"Versuchter Massenmord"

Medikamentenfälschungen seien ein Kapitalverbrechen, das mit aller Härte bestraft werden müsse. "Jede Fälschung von Medikamenten ist ein versuchter Massenmord", sagte Verheugen der "Welt". "Selbst wenn ein Medikament nur unwirksame Stoffe enthält, kann es dazu führen, dass Menschen daran sterben, weil sie glauben, ihre Krankheit mit einem wirksamen Mittel zu behandeln."

Der Industriekommissar erwartet, dass sich die EU im Kampf gegen Arzneimittelfälschungen im kommenden Jahr darauf einigen wird, "dass der Weg einer Arznei von der Herstellung bis zum Verkauf minutiös zurückverfolgt werden kann. Dazu wird es Sicherheitszeichen auf den Medikamentenpackungen geben."

Jede zweite Tablette gefälscht

FDP-Wirtschaftsexperte fordert auch eine zertifizierte Liste geprüfter Online-Apotheken. Denn nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind mehr als 50 Prozent der Medikamente, die im Internet von Apotheken ohne Adresse angeboten werden, gefälscht.

Verbraucherverband verhinderte Infos

Die Europäische Kommission hatte bereits im Juli vor einer hohen Zahl gefälschter Medikamente gewarnt. Mit der neuerlichen Mahnung will Verheugen offensichtlich Bewegung in die festgefahrenen Verhandlungen um das Pharmapaket genannte Bündel aus mehreren EU- Richtlinien und Verordnungen bringen. Streitpunkt ist die Frage, ob und wie die Pharmaindustrie die Patienten beziehungsweise Kunden direkt informieren darf und das womöglich das Werbeverbot ins Wanken bringen könnte.

Der europäische Verbraucher-Dachverband BEUC hat das Vorhaben als "versteckte Werbung" gebrandmarkt. Im EU-Ministerrat liegt es gänzlich auf Eis. Der SPD-Politiker Verheugen scheidet demnächst aus der Kommission aus; das Pharmapaket war eines seiner wichtigsten Dossiers. In der neuen EU-Kommission, die Anfang Februar antritt, übernimmt das Ressort der Italiener Antonio Tajani (bisher Verkehr).

Profitabler als Heroin

Dass der Markt mit gefälschten Medikamenten boomt liegt auch an den hohen Gewinnen, die sich mit ihnen erzielen lassen. So haben Drogendealer  ihr Geschäftsfeld um illegale Arzneimittel und gefälschte Medikamente erweitert. Ihre Umsätze steigen besonders durch den Verkauf von nachgeahmten Präparaten der Potenzpille Viagra. Damit lassen sich Experten zufolge bis zu 2.000 mal höhere Einnahmen erzielen als durch den klassischen Drogenhandel. Denn ein Kilo des Viagra-Wirkstoffs kostet nur rund 35 Euro.

(Ag./Red)

Mehr erfahren