Experte Hofer: "Natürlich war Silberstein wesentlich beteiligt"

INTERVIEW: BUNDESKANZLER KERN
Kanzler KernAPA/HERBERT NEUBAUER

Der Politikexperte kritisiert die Beschwichtigungsversuche von Kanzler Kern und rät ihm, mit einer inhaltlichen Ansage die Medien "abzulenken". Immerhin: "Auch Sebastian Kurz hat Verwundbarkeiten."

Die SPÖ hat die Zusammenarbeit mit Spindoktor Tal Silberstein aufgekündigt, nachdem dieser in Israel verhaftet worden ist. Kanzler Christian Kern (SPÖ) rückte deswegen am Mittwoch aus, um zu beruhigen. Via den Boulevard ließ er ausrichten: Der Wahlkampf laufe „bis jetzt ausgezeichnet", Silbersteins Rolle in der roten Kampagne sei weit kleiner ausgefallen, als manche annehmen würden. Der Politikexperte Thomas Hofer nimmt dem Regierungschef die Beschwichtigungsversuche jedoch nicht ab: „Man versucht die Rolle von Herrn Silberstein jetzt herunterzuspielen, gerade, dass man nicht sagt: Der ist irgendwann bei der SPÖ-Parteizentrale vorbeigegangen, man kennt ihn flüchtig – so war's natürlich nicht“, kritisierte er im Ö1-„Mittagsjournal“.

Geht es nach Hofer, so sieht die Wahrheit tatsächlich folgendermaßen aus: „Natürlich war der Herr Silberstein ganz wesentlich beteiligt, auch an der Ausrichtung der Kampagne.“ Auch die Aussagen von Kern, wonach der umstrittene Slogan „Holen Sie sich, was Ihnen zusteht" nicht von Silberstein stamme, beeindruckte Hofer nicht: „Der deutsche Satz stammt vielleicht nicht von ihm (Silberstein, Anm.), aber die strategische Analyse davor, die stammt ganz sicher von ihm.“ Silberstein sei somit zwar „nicht wahnsinnig erfolgreich“ mit seinem bisherigen Engagement für die SPÖ gewesen, er habe aber „definitiv eine größere Rolle gespielt, als man jetzt wahrhaben will“.

Kern müsste "mit inhaltlicher Ansage kommen"

Warum sich Kern bislang so verhalten geäußert habe? Weil es wohl zu einem großen Teil auf ihn zurückfallen werde, mutmaßte Hofer. „Aber er müsste sofort mit einer inhaltlichen Ansage kommen.“ Die Medien müssten „abgelenkt werden“, andernfalls würde man nicht nur Wähler, sondern vor allem die eigenen Funktionäre verunsichern.

Was ein Thema für die Roten wäre? Etwa die Wirtschaft oder das Sozialsystem, so Hofer – gerade da halte sich ÖVP-Obmann Sebastian Kurz derzeit noch sehr zurück. „Ich glaube, da wären schon ein paar Angriffspunkte da; natürlich hat auch Sebastian Kurz Verwundbarkeiten, hat auch er weiße Flecken.“

Umstellen könne man die rote Kampagne nun, zwei Monate vor dem Urnengang, jedenfalls nicht mehr. Und das sei auch nicht unbedingt nötig, meinte der Experte, der die „grundsätzliche Ausrichtung, die hinter dem Slogan steht für richtig“ hält. Denn: „Man möchte das tun, was Sebastian Kurz seit zwei Jahren gemacht hat, nämlich tief in die freiheitlichen Wählerschichten eindringen.“ Ratsam wäre es für die Sozialdemokratie jedenfalls, würde sie sich ansehen, wo die politische Konkurrenz ihre Schwachstellen habe. Zeit dafür sei zwar nicht mehr genügend vorhanden, „aber unmöglich ist es nicht“. Eine Gelegenheit, um Punkte gut zu machen, wären beispielsweise die nahenden TV-Duelle zwischen den Spitzenkandidaten.

Was bisher geschah

Tal Silberstein, bis Montag SPÖ-Berater, der Geschäftsmann Beny Steinmetz sowie weitere Beteiligte wurden am Montagvormittag in Israel festgenommen. In Büros und Wohnhäusern der Verdächtigen wurden Hausdurchsuchungen vorgenommen. Die Vorwürfe drehen sich unter anderem um Geldwäsche, Untreue und Behinderung der Justiz. Es geht um Vorfälle in Guinea und Rumänien, um Immobiliendeals und Diamantgeschäfte. In Rumänien läuft seit Jänner dieses Jahres bereits ein Prozess gegen Steinmetz, Silberstein und andere. Alle Genannten beteuern ihre Unschuld. Steinmetz sieht US-Milliardär George Soros als Hintermann der Ermittlungen gegen ihn: Dieser führe einen „politischen Krieg“ gegen ihn.

>>> Bericht im Ö1-„Mittagsjournal“

(Red.)