Notenbanker trauen Frieden nicht

EZB-Chef Mario Draghi und US-Notenbank-Chefin Janet Yellen haben in Jackson Hole viel zu bereden.
EZB-Chef Mario Draghi und US-Notenbank-Chefin Janet Yellen haben in Jackson Hole viel zu bereden.(c) REUTERS (DAVID STUBBS)
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Obwohl die Wirtschaftsdaten erfreulich sind, bekommen Notenbanker mehr Sorgenfalten. Die EZB bremst, selbst erwartete Zinserhöhungen in den USA könnten wackeln.

Wien/New York. Die Finanzkrise hat dann doch einen längeren Atem als erwartet. Noch zu Beginn des Jahres rechneten die Finanzmärkte damit, dass die US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen gleich mehrmals erhöhen könnte. Auch in Europa war man sich einig, dass die Europäische Zentralbank EZB spätestens im September erklären wird, dass sie ihre massiven Anleihenkäufe zumindest drosseln wird. Doch in den vergangenen Tagen begannen Notenbanker auf beiden Seiten des großen Teichs vorsichtig zurückzurudern. Erst am Freitag warnten führende US-Notenbanker vor einer verfrühten geldpolitischen Straffung.

Der Zeitpunkt der einzelnen Wortmeldungen ist nicht zufällig gewählt. Am kommenden Donnerstag treffen sich die wichtigsten Notenbanker der Welt wie jedes Jahr in einem kleinen Ort in Wyoming in den Rocky Mountains. Jackson Hole heißt es, und es wird drei Tage lang die Blicke der internationalen Finanzwelt auf sich ziehen. Auch oder gerade weil traditionellerweise alle Beteiligten vorweg versichern, dass sie nichts sagen oder ankündigen werden.

EZB-Chef Mario Draghi tat dies bereits Mitte der Woche. Er wird dort zwar eine Rede halten. Allerdings ließ er ausrichten: „Erwartungen, dass dies eine große geldpolitische Rede sein wird, sind falsch“, verlautete aus der EZB in Frankfurt. Mit dieser klaren Ansage machte Draghi die Hoffnung jener zunichte, er könnte in Jackson Hole zumindest andeuten, dass die EZB angesichts eines robusten Wirtschaftswachstums im Euroraum bald ihren expansiven Kurs verlassen würde. Wäre auch nicht so abwegig gewesen. Vor drei Jahren nutzte der Italiener seinen Auftritt in den amerikanischen Bergen, um die massiven Aufkäufe von Staatsanleihen zu avisieren.

Mittlerweile interpretieren einige Beobachter Draghis „Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen“-Gehabe bereits als Indiz dafür, dass die EZB auch über den Herbst hinaus dieser Linie treu bleiben könnte. Denn obwohl die Wirtschaftsdaten erfreulich sind, gibt es doch noch die eine oder andere graue Wolke am Konjunkturhimmel. Die Inflation ist nämlich noch immer nicht dort, wo sie die Währungshüter gern sehen würden: nämlich – wie in Österreich – bei zwei Prozent. Im Euroraum lag sie zuletzt nur bei 1,3 Prozent.

Sorgen bereitete zuletzt auch der starke Euro. Im Lauf des Jahres hatte er elf Prozent zum Dollar zugelegt – und das spürt die Exportwirtschaft. In Deutschland erwies sich im zweiten Quartal ausgerechnet der Außenhandel als Wachstumsbremse. Und so setzte die EZB am Donnerstag dann doch ein Zeichen. Sie veröffentlichte Passagen des Protokolls von der Zinssitzung vom 20. Juli. Darin heißt es: „Sorgen über das Risiko wurden zum Ausdruck gebracht, dass der Wechselkurs in der Zukunft überschießen könnte.“

Der Satz genügte, um den Euro zu bremsen und auf ein Dreiwochentief von 1,1662 Dollar zu schicken. „Das war eine klare verbale Intervention der EZB“, sagte Thomas Altmann, Fondsmanager vom Brokerhaus QC Partners. Simon Derrick vom Vermögensverwalter BNY Mellon meinte: „Die Wahrheit ist, dass die EZB sich gewiss mehr Sorgen macht, als der Markt das bislang vermutet hat.“

US-Staat will Schulden erhöhen

Doch auch in den USA bekommt man mehr Sorgenfalten. Dass das angekündigte Wirtschaftsprogramm von Präsident Donald Trump in absehbarer Zeit noch Gestalt annehmen könnte, glauben nicht mehr viele. Robert Kaplan, Chef des Fed-Bezirks Dallas, erklärte am Freitag, dass er eine Zinsanhebung nicht unterstützen werde. Zu niedrig sei die Inflation, sie liegt bei 1,5 Prozent. Und die niedrigen Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen würden sogar signalisieren, dass eine konjunkturelle Abschwächung bevorsteht.

Die US-Notenbank hat die Zinsen zuletzt im Juni von 1,0 auf 1,25 Prozent angehoben. Neel Kashkari hat schon damals gegen eine Erhöhung gestimmt. Der Chef des Fed-Bezirks Minneapolis sorgt sich um den wachsenden Schuldenberg der USA. 19,9 Billionen Dollar ist er hoch. Nun wird um eine Erhöhung der Schuldenobergrenze gerungen. Ob diese vom Kongress beschlossen wird, ist ungewiss. Dem amerikanischen Staat könnte im Oktober das Geld ausgehen. Alles andere als gute Voraussetzungen für eine straffere Geldpolitik. (gh/ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2017)

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