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Unten arbeiten, oben wohnen

Beton, Holz und ganz viel Unmittelbarkeit: Der Grundriss des „Hauses mit Betonschale“ folgt dem Verlauf des Grundstücks, die Materialität ist eindrucksvoll zu sehen.

Zwei leicht versetzte Quader auf einem Hang mit großen Fensterflächen und großzügiger Terrasse: Das vom Linzer Architekturbüro Mia2 errichtete Einfamilienhaus in Klosterneuburg besticht durch Klarheit und „Ehrlichkeit“, wie es Projektleiter Gunar Wilhelm nennt. „Einer der wichtigsten Ansprüche des Bauherrenpaares war, dass sich das Gebäude harmonisch der Landschaftsform anpasst.“

Das führte zu einem Grundriss, mit dem das Haus dem Verlauf des Bergrückens folgt. Auch die Bauweise mit Beton und Sichtbeton war ein expliziter Bauherrenwunsch. „Dementsprechend kennzeichnet der Fokus auf das Material den Entwurf“, sagt Wilhelm. „Wird ein bestimmter Baustoff bevorzugt, versuchen wir das zu zeigen und den spezifischen Charakter wirklich zur Geltung zu bringen.“

 

Strukturenmix

Große Flächen setzen bewusst auf Sichtbeton – also unverputzten Beton, der gestalterische Elemente zulässt. Dadurch entstehen unregelmäßige Oberflächen mit einer sehr ausgeprägten Haptik. Laut Wilhelm war die zweischalige Betonwand mit Dämmkern hinsichtlich ihrer Tragkonstruktion die größte Herausforderung, sie erstreckt sich von der Westfassade über die Süd- bis zur Ostseite. „Vertikale Holzlamellen sollten als Gegenüber zu der liegenden Betonschalungsstruktur konstruktive Elemente unsichtbar machen“, so der Architekt.

Sehr pompös gibt sich der Terrassenvorbau. Die Betonschale entlang der Südseite spannt den überdachten Terrassenbereich auf und bildet Nischen für Stauraum. Die Garage befindet sich zur Gänze im Erdreich, von außen sieht man nur das Zufahrtstor. Insgesamt soll die Komposition von diversen Oberflächen, Strukturen und Materialien eine einheitliche Erscheinungs bilden. Das ist auch gelungen.

Das „Haus mit Betonschale“ soll sowohl zum Wohnen als auch zum Arbeiten dienen. Die Erdgeschoßräume sind ganz auf Business getrimmt. Darüber befinden sich im ersten und zweiten Obergeschoß sehr luftige, helle, private Räume. Die Bauherren wünschten sich eine nüchterne Raumgestaltung mit einfachen Oberflächen.

 

Heimeliges Ergebnis

Umso mehr reizte es das Architektenteam, aus den an sich kühlen Rahmenbedingungen ein behagliches und wohnliches Heim zu schaffen. Die Haptik der reduzierten Materialien setzt sich im Innenbereich mit unterschiedlich verputzten Wänden und strukturiertem Sichtbeton fort. „In der inneren Struktur haben wir die Funktionen nach Intimitätsgraden über drei Etagen emporgestuft und diese auf allen Niveaus an den Außenraum angebunden“, sagt Sandra Gnigler, ebenfalls Architektin bei Mia2. Ein zweigeschoßiger Luftraum mit Bibliothek bildet den Übergang vom ersten in den zweiten Stock. Vom Energiekonzept her ist das Gebäude ein Niedrigenergiehaus mit Lüftungsanlage. Einerseits gibt es breite Fensterfronten, damit viel Licht die Räume flutet und weite Ausblicke ermöglicht werden, andererseits setzte man bewusst Schatteneffekte. „Überhitzung durch große Verglasungen wird im Wohngeschoß durch vertieft gesetzte Verglasungen im Terrassenbereich vermieden“, erklärt Gnigler. „Im Obergeschoß bildeten wir mit einer Holzlamellenkonstruktion Sicht- und Sonnenschutz.“

 

Beton boomt

Beton bleibt beim Einfamilienhaus eines der beliebtesten Baumaterialien. Bei Mia2-Projekten komme dieser Baustoff immer wieder als statisch-konstruktives Element vor. „Sofern es die Architektur und der Bauherr vertragen, versuchen wir stets die Materialität ehrlich sichtbar zu machen“, heißt es von dem Architekturbüro, das derzeit zum Beispiel auf den Zuschlag für ein Einfamilienhausprojekt hofft, bei dem Dämmbeton zum Einsatz kommen soll. „Bei einem weiteren Projekt, einem Einkaufszentrum mit 140 Wohnungen in Linz, planen wir den gesamten Sockelbereich mit Betonfertigteilen, eine Herausforderung im ziegelstarken Oberösterreich“, sagt Gnigler. Auch Sichtbeton sei im Segment Einfamilienhäuser durchaus gefragt. „Selten für das ganze Haus, meist in Kombination mit anderen Oberflächen, wie etwa Holz und Putz“, so die Architektin.

ZUM HAUS

Auf dem Klosterneuburger Grundstück in Hanglage (1082 m2) wurden 223,5 m2Wohnnutzfläche errichtet, dazu Keller und Garage mit 125,5 m2 sowie eine Terrasse mit kleinem Pool. Als Materialien kamen Stahlbeton, Vorsatzschalen und vorgehängte Schattenlamellen aus Lärchenholz zum Einsatz, für die Böden wurden beschichteter Estrich, Holz und Fliesen verwendet. Der Heizwärmebedarf liegt bei 32,4 kWh/m2. Geplant wurde das Haus von Mia2 Architektur in Linz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2017)