Christoph Waltz ganz tragisch

Unglücklich verheiratet: der reiche Amsterdamer Kaufmann Saandvort (Christoph Waltz) und seine junge Frau, Sophia (Alicia Vikander).
Unglücklich verheiratet: der reiche Amsterdamer Kaufmann Saandvort (Christoph Waltz) und seine junge Frau, Sophia (Alicia Vikander).(c) Thinfilm

Kritik Der Film „Tulpenfieber“ macht die Niederlande des 17. Jahrhunderts zur Kulisse eines hemmungslosen Melodrams. Der österreichische Weltstar verlässt darin sein typisches Rollenfach.

Heutzutage kann man Tulpen in jedem zweiten Blumenladen für eine Handvoll Euro kaufen – doch vor knapp 400 Jahren war das ansehnliche Liliengewächs Gold wert. Im 16. Jahrhundert wurden Tulpen erstmals aus der Türkei nach Europa importiert. Besonders in den Niederlanden entwickelte sich ein regelrechter Hype um die Zierpflanze, ihre Zwiebeln wurden zu einem heiß begehrten Spekulationsobjekt. Auf dem Höhepunkt der Hysterie musste man 10.000 Gulden für eine von ihnen hinblättern – das durchschnittliche holländische Jahreseinkommen lag damals bei einem Siebzigstel dieser Summe. 1637 platzte die Tulpenblase: Es war der erste (dokumentierte) Börsencrash der Weltgeschichte.

Bis dahin wurde fröhlich geschachert. Vor allem mutierte Blumen mit eigenwilligen Musterungen trieben die Preise hoch. Zu Beginn von Justin Chadwicks Bestsellerverfilmung „Tulpenfieber“ wird bewusst darauf hingewiesen; doch es geht dabei weniger um historisches Hintergrundwissen als um den symbolischen Gehalt einer weißen Blüte, die von einem tollkühnen rötlichen Zünglein durchzogen wird – das Sinnbild einer Leidenschaft, die gegen jede Wahrscheinlichkeit keimt.

Denn „Tulpenfieber“ ist ein waschechtes Melodram – mit großen Gefühlen und gefährlichen Begierden, die sich inbrünstig gegen soziale Widerstände stemmen. Wie der Literaturwissenschaftler Peter Brooks in seinem Standardwerk „The Melodramatic Imagination“ notiert, war diese Genre schon immer ein Hort des Zuviels: In Anlehnung an das antike Theater entfesseln Melodramen absichtlich emotionale Exzesse, die realistische Maßgaben sprengen und den strapazierten Psychen ihrer Leser (und Zuschauer) ein Ventil für zurückgedrängte Gemütsbewegungen bieten. Der Plot muss durch höchste Höhen und tiefste Täler sausen, muss an der Schwelle des Absurden kratzen und die Grenzen des Glaubwürdigen überschreiten – nur so kann er den heimlichen Seelenstürmen des Publikums gerecht werden.

Dass „Tulpenfieber“ mit wuchtigen Peripetien um sich wirft, sollte folglich nicht verwundern. Statt sich mit einem Spannungsbogen zu begnügen, erzählt der Film gleich zwei tragische Liebesgeschichten vor dem Hintergrund des titelgebenden Gesellschaftsphänomens. Eine davon handelt vom Waisenmädchen Sophia (Alicia Vikander), die in jungen Jahren mit dem reichen Amsterdamer Händler Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) verheiratet wird. Sie soll dem alternden Witwer einen Sohn schenken, doch die Schwangerschaft lässt auf sich warten. Sandvoort spielt mit dem Gedanken, seine Frau wieder auf die Straße zu setzten.


Unglückliche Zufälle. Es sind nicht die besten Bedingungen für eine erfüllende Beziehung. Also sucht Sophia ihr Glück in den Armen des aufstrebenden Porträtmalers Jan Van Loos (Dane DeHaan) – eine Anspielung auf den realen Künstler Jacob van Loo, der für seine Aktgemälde bekannt war. Er fertigt ein Porträt von ihr an, das stark an Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ erinnert. Mit dem Ertrag aus einem waghalsigen Tulpengeschäft will das Paar eine gemeinsame Zukunft erwerben. Parallel dazu verliebt sich Sandvoorts Dienstmädchen Maria (Holliday Grainger) in den Fischverkäufer William (Jack O'Connell). Bald trägt sie sein Kind im Leid – doch aufgrund eines unglücklichen Zufalls verschwindet ihr Angebeteter von der Bildfläche.

Chadwicks Film fußt in einem nicht unbeträchtlichen Maß auf unglücklichen Zufällen. Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, verhängnisvolle Verwechslungen und schicksalhafte Missverständnisse verweben die Handlungsstränge zu einem wallenden Gefühlsgeflecht. Akzeptiert man die Regeln des Genres, wirkt dieser narrative Überschwang geradezu erfrischend, ein hemmungsloser Kontrast zur oftmals einschläfernden Zurückhaltung moderner Filmdramen.


Wo soll der Film hingehen? Doch relativ schnell macht sich eine Willkürlichkeit bemerkbar, die den Geschehnissen ihr Gewicht nimmt. „Tulpenfieber“ fließt von Wendepunkt zu Wendepunkt, ohne sich wirklich darum zu kümmern, wo es eigentlich hingehen soll und wer gerade im Mittelpunkt steht. Kaum eine „Szene“ hat diesen Namen verdient; die meisten werden von Parallelmontagen zergliedert. Die Farblosigkeit der Hauptdarsteller (allen voran Vikander und DeHaan) trägt ihr Übriges zur schleichenden Erschlaffung bei. Nur Waltz' Performance wird gegen Ende immer interessanter, weil sie von seinem typischen Rollenfach wegdriftet: Sandvoort beginnt als süffisanter, selbstverliebter Fatzke, entwickelt aber mit der Zeit ungeahnte Empathie und gerät schlussendlich zu einer genuin tragischen Figur. Für seltene Auflockerung sorgen Tom Hollander als schelmischer Kurpfuscher und Judi Dench als weltgewandte Äbtissin.

Klassische Hollywood-Melodramen der Fünfziger gelten heute als politische Werke – ihre zumeist weiblichen Protagonisten begehrten mit verbotenen Leidenschaften gegen überkommene Rollenmuster auf. Ob „Tulpenfieber“ gegen etwas aufbegehrt, lässt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen. Ästhetisch hebt er sich nicht vom zeitgenössischen Kostümfilmeinheitsbrei ab – trotz aufwendiger, auf Authentizität bedachter Ausstattung. Seinem Titel macht er aber alle Ehre: Die schlingernden Schlenker seiner Zickzackerzählung gemahnen an die unkontrollierten Zuckungen eines Fieberkranken.