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Dieselskandal: Was wusste die Audi-Spitze wann?

Für Rupert Stadler, Chef der VW-Tochter Audi, wird es immer enger.
Für Rupert Stadler, Chef der VW-Tochter Audi, wird es immer enger.(c) REUTERS
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Ein ehemaliger Techniker bringt den gesamten Vorstand in Bedrängnis. Auch für Konzernchef Rupert Stadler wird es nun eng. Kanzlerin Merkel ist indes „sauer“.

Berlin/Ingolstadt. „Ich will die Wahrheit wissen, ohne Ansehen von Hierarchien oder Personen“, erklärte Audi-Boss Rupert Stadler im November 2015 dem „Donaukurier“. Es ging um den Dieselskandal, der kurz zuvor auch den Ingolstädter Autokonzern erreicht hatte. Inzwischen ist es für Stadler enger geworden. Auch ein Insasse der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim bringt ihn in Bedrängnis. Ingenieur Giovanni P. sitzt dort in Untersuchungshaft. Und der frühere Audi-Techniker soll der Staatsanwaltschaft nun ein 28 Seiten langes Papier vorgelegt haben, das Sitzungen, E-Mails und Vorträge auflistet und den gesamten Audi-Vorstand belastet, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet.

Demnach hatte ein leitender Audi-Motorenentwickler schon am 9. Oktober 2006 mehrere Führungskräfte über das Problem bei AdBlue unterrichtet, darunter den damaligen Audi- und späteren VW-Chef Martin Winterkorn. AdBlue ist eine Harnstofflösung, die giftige Stickoxide neutralisiert. Das Gemisch sollte bei den regelmäßigen Werkstattkontrollen nachgefüllt werden. Kein Kunde sollte selbst nachtanken. Doch dafür waren die Tanks zu klein. Es kam die berüchtigte Software ins Spiel.

Auch der von Audi-Chef Stadler geleitete Vorstand soll das Problem gekannt haben, dass die Abgasreinigung nicht richtig funktionierte und die strengen Grenzwerte in den USA nicht eingehalten werden konnten. Demnach wurde die Chefetage am 1. April 2010 und am 11. Juni 2012 informiert. Bei letzterem Termin sei dem Audi-Vorstand gesagt worden, dass ein regelmäßiges Nachtanken von AdBlue notwendig wäre. Das Selbstnachfüllen durch Autobesitzer sei jedoch erst viel später, am 25. Juli 2014, vom Vorstand genehmigt worden, schreibt die „SZ“. Und auch dann nur für neue Autos.

Der 28-Seiten-Bericht würde Giovanni P. ein Stück weit entlasten – als „kleines Rädchen im System“. Ob die Staatsanwaltschaft München II das Papier und die dort geschilderten Zeitabläufe für authentisch hält, ist indes unsicher. Es werde geprüft, hieß es gestern. Noch sollen aber weder frühere noch aktuelle Audi-Vorstände im Visier sein. Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt im Fall Audi wegen des Verdachts, 80.000 Käufer von Dieselfahrzeugen in den USA seien systematisch betrogen worden – mit dem falschen Versprechen, saubere Autos geliefert zu bekommen.

 

Merkel ist „sauer“

Während der Dieselskandal die nächste kleine Wende nimmt, verschärft Kanzlerin Angela Merkel hörbar den Ton gegenüber der Autoindustrie. Merkel sagte am Montag in einem „Bild“-Interview, sie sei „sauer“ und „verärgert“ über die Betrugs- und Täuschungsabsichten. Merkel war scharf kritisiert worden, weil sie den Diesel-Gipfel im August nicht zur Chefsache erklärt hatte. Das Treffen endete damals mit einem für die Autobauer günstigen Minimalkompromiss. Die Kanzlerin kündigte einen zweiten Gipfel an: Erstens wolle sie Dieselfahrverbote in den Städten verhindern: „Ich möchte nicht, dass die Kunden die Zeche zahlen.“ Zweitens sollen sich die 800.000 Beschäftigten in der Autobranche nicht um ihren Arbeitsplatz sorgen müssen.

Merkel war immer wieder eine zu große Nähe zur Autoindustrie unterstellt worden. So lobbyieren unter anderen ihr ehemaliger Parteibürochef und ihr früherer Kanzleramtsminister für deutsche Autobauer. Die Kanzlerin mahnte nun von den Vorständen Fingerspitzengefühl bei den Bonizahlungen ein: Sie fände es nicht gerecht, wenn möglicherweise Millionenboni an Manager ausgeschüttet würden, die eine Mitverantwortung für Manipulation der Emissionswerte trügen, sagt Merkel. (red./ag).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2017)