Vor 90 Jahren sorgte die Hinrichtung der zwei Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti in den USA weltweit für Proteste. Der Fall gilt bis heute als erschreckendes Beispiel einer unfairen Justiz.
"Wird der Menschheit wirklich die Schmach eines möglicherweise bewußten Justizmordes nicht erspart bleiben, werden wir in den nächsten Stunden die erschütternde Nachricht von der Hinrichtung Saccos und Vanzettis erhalten?", fragte die "Neue Freie Presse" am 22. August 1927. Vor 90 Jahren war die geplante Hinrichtung der beiden Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti in den USA wochenlang das prägende Thema. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in vielen europäischen Ländern gab es Attentate und Demonstrationen, um gegen das umstrittene Urteil der US-Justiz zu kämpfen.
Doch es nützte alles nichts. Im Abendblatt der Ausgabe vom 23. August berichtete die "Neue Freie Presse" dann von der Hinrichtung der beiden Männer: "Das Unglaubliche ist also doch Ereignis geworden. Sacco und Vanzetti wurden nach Mitternacht hingerichtet, und es mutet wie eine grausige Ironie an, daß mit ihnen auch der portugiesische Gewohnheitsverbrecher Madeiros aus dem Leben scheiden mußte. Heißt es doch von ihm, daß er freiwillig das Geständnis abgelegt habe, der gesuchte Raubmörder zu sein, der vor sieben Jahren den ruchlosen Anschlag auf die zwei Angestellten in der Nähe Bostons verübt hatte."
Tatsächlich ist der Fall bis heute nicht geklärt. Zwar wurden die beiden italienischen Zuwanderer 1977 vom Gouverneur von Massachussetts, Michael Dukakis (1988 auch Präsidentschaftskandidat), rehabilitiert. Aber nicht weil deren Unschuld - wie im vergleichbaren Fall Dreyfus - feststand, sondern vielmehr, weil der gegen die beiden Männer geführte Prozess unfair war. Bis heute steht also nicht fest, wer am 15. April 1920 Frederik Parmenter, Zahlmeister einer Schuhfabrik, sowie dessen Leibwächter Alessandro Berardelli, in South Braintree tötete.
Fast schon nebensächlich: Der Fall
Am 15. April 1920 werden Frederik Parmenter, Zahlmeister einer Schuhfabrik, sowie dessen Leibwächter Alessandro Berardelli in dem Ort South Braintree nahe von Boston erschossen. Geraubt werden 15.776 Dollar Lohngeld.
Am 5. Mai werden - unabhängig davon - nach der Überwachung verdächtiger italienischer Anarchisten zwei Männer festgenommen.
Einer von ihnen ist Nicola Sacco. Bei seiner Festnahme trägt er einen geladenen Colt eines seltenen, schwer erhältlichen Typs und 23 Patronen bei sich. Die Waffe entspricht der Tatwaffe. Der andere Mann ist Bartolomeo Vanzetti, der ebenfalls eine Waffe bei sich hat. Die Polizei vermutet darin die Waffe des Leibwächters, die seit dem Raubmord verschwunden ist. Vanzetti kann nicht glaubhaft erklären, wie er in den Besitz des Revolvers gekommen ist.
Vieles spricht für die Unschuld der beiden Hingerichteten, unter anderem das oben erwähnte Geständnis des Berufsverbrechers Celestino Madeiros. "Ich gestehe hiermit, dass ich bei dem Verbrechen in der Schuhfabrik in South Braintree dabei war und dass Sacco und Vanzetti nicht dabei waren", schrieb er in einer Notiz an den im gleichen Gefängnis inhaftierten Sacco im November 1925. Madeiros befand sich zu diesem Zeitpunkt wegen der Tötung eines Bankangestellten im Gefängnis. Seiner Aussage, die eines verurteilten Verbrechers, wurde vor Gericht daher wenig Glaubwürdigkeit zugemessen.
Amerika 1920: Klima der "roten Furcht"
Verteidiger Herbert Ehrmann, der erst 1924 die Verteidigung übernahm, gelangte nach neuen Zeugenaussagen und Indizien zur Überzeugung, dass hinter der Tat die berüchtigte Morelli-Bande, zu der auch Madeiros gehörte, steckte. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich davon allerdings unbeeindruckt: "Wir glauben, die Wahrheit gefunden zu haben, und ... da wir die Wahrheit gefunden haben, kann nichts anderes mehr eine Rolle spielen." Wenig überraschend wies daher der stockkonservative Richter Webster Thayer einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahren im Oktober 1926 ab. In Privatgesprächen machte Thayer niemals ein Hehl daraus, das "anarchistische Gesindel" zu verabscheuen.
Dazu muss man das politische Klima berücksichtigen, das in den 1920er Jahren in vielen Teilen der USA herrschte. Es war die Zeit der "roten Furcht", man fürchtete Unruhen und Bombenanschläge. Man fürchtete sich vor Kommunisten, Sozialisten und Anarchisten. Gegen Mitglieder dieser Gruppen wurde brutal vorgegangen. Sie wurden deportiert, ohne rechtlichen Hintergrund festgehalten und misshandelt. Dass der ursprüngliche Verteidiger Fred H. Moore, bekannt als Verteidiger politisch Radikaler, eine politische und nicht sachlich orientierte Verteidigungsstrategie fuhr, war für die beiden Angeklagten angesichts des konservativen Richters und eines ebensolchen Staatsanwalt nicht von Vorteil.
Wenig hilfreich erwies es sich auch, dass Sacco und Vanzetti 1917 nach Mexiko geflüchtet waren, um sich der Musterung und dem Militärdienst zu entziehen. Als sie Staatsanwalt Frederick O. Katzmann im Kreuzverhör in die Enge trieb und fragte, ob sie die Vereinigten Staaten lieben würden, tappten die Angeklagten in die Falle. Sie antworteten beide mit "Ja". Wie dies mit der patriotischen Pflicht des Wehrdienstes vereinbar sein, wollte Katzmann daraufhin wissen.
Dass die beiden Verdächtigen nach ihrer Festnahme falsche Angaben machten, wurde ihnen belastend ausgelegt. Sie wurden als Beweis für ihre Schuld gedeutet. Die ersten Fragen der vernehmenden Beamten hatten auf die politische Gesinnung von Sacco und Vanzetti abgezielt. Ob sie Anarchisten, Kommunisten oder Bombenleger seien, wollte man wissen. Aus Angst vor Deportation und Misshandlung hätten die beiden Männer gelogen. Das nahm ihnen das Gericht nicht ab.
Ballistik steckte noch in den Kinderschuhen
Auch die wissenschaftliche Waffenkunde, die Ballistik, steckte noch in den Kinderschuhen, was sich für Sacco und Vanzetti als fatal erweisen sollte. Die zwei Sachverständigen der Anklage und der Verteidigung kamen zu widersprüchlichen Erkenntnissen, weshalb der Aussage eines dritten Sachverständigen besonderes Gewicht zufiel. William H. Proctor, Chef der Staatspolizei von Massachussetts, antwortete auf die Frage, ob die Todeskugel aus Saccos Colt abgefeuert worden sei, folgendermaßen: "My opinion is that it is consistent with being fired by that pistol". Richter Thayer wertete diese vage Aussage als Beweis gegen Sacco. In einer eidesstattlichen Aussage nach Prozessende betonte Proctor allerdings, dass er bloß sagen wollte, dass die Patrone aus einem Colt gekommen sei, aber nicht unbedingt aus Saccos Waffe.
Nichts in diesem Verfahren scheint eindeutig: Zwar weist ein ballistisches Gutachten aus dem Jahr 1927, das in den Jahrzehnten darauf von weiteren Waffen-Experten gestützt wurde, darauf hin, dass die Todeskugel vermutlich tatsächlich aus Saccos Waffe stammte. Allerdings gibt es auch Indizien dafür, dass sowohl der Lauf von Saccos Colt als auch die Todeskugel ausgetauscht wurden.
"Nicht einmal ein räudiger Hund..."
Im Juli 1921 wurden Sacco und Vanzetti in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Vergeblich versuchte die Verteidigung, den Fall neu zu verhandeln, insgesamt acht Revisionsanträge wurden zurückgewiesen. Daher verkündete Richter Thayer erst im April 1927 das Todesurteil.
Kurz zuvor prangerte Vanzetti in einer fünfundvierzig Minuten lange dauernden Rede auch die feindselige Haltung des Gerichts an: "Nicht einmal ein Hund, der Hühner tötet, [wäre] mit solchen Beweisen, wie die Staatsanwaltschaft sie gegen uns vorgebracht hat, von amerikanischen Geschworenen schuldig gesprochen worden. Ich sage, nicht einmal einem räudigen Hund wäre seine Berufung vom Obersten Gerichtshof zweimal abgelehnt worden […]." Und: "Wir haben bewiesen, dass es auf der ganzen Erde keinen Richter geben kann, der voreingenommener und grausamer ist, als Sie gegen uns gewesen sind."
Auch nach der Verurteilung gab die Verteidigung nicht auf. Doch weder Gnadengesuche noch Berufungen halfen. Am 22. August wurden Sacco und Vanzetti am elektrischen Stuhl hingerichtet. Um 00:19 Uhr wurde Sacco für tot erklärt, Vanzetti um 00:27 Uhr. Seine letzten Worte waren: "Ich möchte einigen Leuten vergeben, was sie mir nun antun."