Gastkommentar

Der schöne Traum von der Elektromobilität

Woher wird der benötigte Strom kommen? Sicher nur zum Teil aus Österreich – also wird man auf Kernkraft zurückgreifen.

Die Schwindeleien der Autofirmen bei den Angaben zum Schadstoffausstoß der Dieselautos haben als Gegenreaktion einen Elektromobilitäts-Hype ausgelöst. Die Autofirmen haben sich gleich mit draufgesetzt und aus der Not eine Tugend gemacht.

Als Physiker empfinde ich ja Fahrzeuge als sympathisch, die mit einem physikalischen Vorgang aus der Elektrodynamik betrieben werden statt mit stinkenden chemischen Reaktionen, wie das in den Verbrennungsmotoren geschieht. Jedoch surfen jetzt auf der Heckwelle dieses physikalisch-chemischen Interessenkonflikts unbedarft Politiker, die als Minister bereits die Möglichkeit haben, unser Steuergeld freizügig zu verteilen, und solche, die es erst werden wollen und vorerst nur auf Stimmenfang für die nächste Wahl sind.

Es gibt mehrere Tausend Euro vom Umweltministerium, wenn man sich beispielsweise einen Tesla leisten kann, und wenn es nach der Chefin der Grünen, Ulrike Lunacek, geht, ab 2030 überhaupt nur noch Elektromobilität. Man darf zwar kaum annehmen, dass die grüne Lunacek, die laut Interview in der „Presse“ vom 13. August „ab 2030 nur noch Elektroautos zulassen“ will, zu einer glühenden Verfechterin der Kernkraft geworden ist, doch deren starken Ausbau fordert sie damit implizit, wie wir gleich sehen werden.

 

Man kann sich täuschen

Aber Politikern darf besonders in Wahlkämpfen die Gnade des Nicht-zu-Ende-Denkens zugestanden werden. Schon der damalige Minister Nikolaus Berlakovich hat ja 2012 gesagt: „Bis 2020 möchte ich 250.000 Elektrofahrzeuge auf Österreichs Straßen bringen und damit eine CO2-Einsparung von 430.000 Tonnen erzielen. Mit Elektrofahrzeugen wird Mobilität zukünftig nahezu ohne Emissionen und Schadstoffe möglich sein.“ So kann man sich täuschen, wenn man starke Worte sagen will oder muss.

In den jüngsten Wochen mehren sich allerdings die kritischen Stimmen betreffend den Hype. „Woher soll der Strom kommen?“, habe ich schon 2012 als Physiker in der „Presse“ gefragt, und jetzt fragen dies auch Wirtschaftsgurus, wie in Deutschland der renommierte Wirtschaftspublizist Roland Barazon (nach Christian Ortner, „Wiener Zeitung“, 11. August). Natürlich ist „alles sehr kompliziert“, einer der wirklich klaren Aussprüche eines Politikers (des früheren Bundeskanzlers Sinowatz) – zu kompliziert, um sich als Wahlkampfdevise zu eignen.

Wie mittlerweile auch Bürger wissen sollten, die kaum Zeitungen lesen, ist der Ausbau der Wasserkraft bei uns praktisch zu Ende gekommen. Es waren Grünbewegte, die die weitere Verstauung unserer großen Flüsse verhindert haben. Solche Aktivisten kämpfen auch gegen die Staudämme im Hochgebirge, die ja letzten Endes ohnehin im Wesentlichen zu Nachtzeiten den tschechischen, deutschen und französischen Braunkohlen- und Atomstrom speichern sollen und – anders als uns das manche Jubelmeldungen über 70 Prozent Wasserstrom weismachen wollen – nur wenig „neuen“ Strom erzeugen.

Echt österreichischer Wasserstrom war vergangenes Jahr zu weniger als 60 Prozent im Netz, wie man leicht aus den Tabellen der E-Control errechnen kann. Wann der deutsche Überschussstrom zuzeiten, wenn der Wind an der Nordsee bläst und die Sonne in Bayern scheint, über die umstrittenen 380-kV-Freileitungen bei diesen Hochgebirgsstauseen mit ihren oft 20 Meter tief hässlich abgesenkten Wasserflächen ankommen wird, wissen auch nur die Götter.

 

Was ist wünschenswert?

Unbestreitbar wäre es gut, wenn Schadstoffausstoß und Lärm trotz der immer noch anschwellenden Autoflut abnähmen. Aber für einen wesentlichen Anteil der Elektromobilität haben wir viel zu wenig österreichischen Strom, importieren seit Jahren zehn bis zwanzig Prozent.

In den vergangenen Wintern mussten zusätzlich fossile Kraftwerke angeworfen werden. Strom für die Elektroautos wird also wie bisher – nur noch mehr – Atomstrom unter anderem aus Tschechien sein, wenn Frau Lunacek nach der nächsten Wahl Umweltministerin ist, denn nur dann kann bald („bis 2030“) genug weiterer „grüner“ Strom aufgetrieben werden.

Oder gar nicht grüner tschechischer Braunkohlenstrom. Denn dieser Braunkohlenstrom erzeugt für die gleiche Leistung genauso viel CO2 wie vorher die diesel- und benzinbetriebenen Autos, und dass dieses Treibhausgas nicht in Wien oder Linz, sondern in Mělník oder Chvaletice ausgestoßen wird, ist dem Weltklima völlig egal. Aber wahrscheinlich – wir wollen es hoffen – haben die Tschechen wirkungsvollere Filter in ihren Kraftwerken für sonstige Schadstoffe als VW für seine Autos und schwindeln bei der Angabe ein bissel weniger.

„Ja“, so höre ich jetzt Stefan Moidl werben, den Geschäftsführer der IG Wind, „der für die zusätzliche Elektromobilität benötigte Strom wird aus österreichischen Windkraftwerken kommen“, sie erzeugten jetzt schon sechs Terawattstunden im Jahr, also acht Prozent des österreichischen Strombedarfs, und sollten bis 2030 auf mehr als das Doppelte im Jahr kommen.

Dazu meine ich, man könnte ja beispielsweise das Weinviertel absiedeln, dort Windparks bauen und so auf diese Jahresmenge kommen. Ich weiß bloß nicht, ob die Bürger das wollen, und meine, bei dem gegenwärtigen Bedürfnis zum Zweitauto mit E-Antrieb (möglichst SUV), das uns von der Autoindustrie suggeriert wird, würde auch das bei Weitem nicht reichen.

Und wenn der Wind ein oder zwei Tage nicht weht, braucht man große Speicherbatterien; die Autobatterien werden dafür nicht reichen. Diese Speicher müssen erst entwickelt werden. Also alles sehr kompliziert.

 

Was also tun?

Ich schließe wie immer: Energie sparen, kein E-Zweitauto, besser „Erstfahrrad“, und nicht sich in die Tasche lügen und den Bürger für dumm verkaufen. Statt widersinnige Subventionen zu vergeben: besser forschen an der Energiespeicherung und – falls Lunacek tatsächlich 2030 nur noch Elektroautos zulassen sollte – an der Endlagerung des Atommülls, denn man wird um die Kernkraft nicht herumkommen, wenn man die Elektromobilität will.

Zum Beispiel ein Endlager in der stabilen Geologie des Waldviertels – wieder muss ich sagen, ich weiß nicht, ob die Bürger das wollen. Und bitte nicht – wie das besonders die Oberösterreicher unter Führung von Rudi Anschober jahrelang getan haben – auf die Tschechen schimpfen, denn wir werden ihren Strom noch mehr als bisher brauchen.

Anmerkung des Autors: Ich fahre mit dem Fahrrad sechs Kilometer in das Büro, leider über gefährliche Radrouten, denn einen Radweg von Wien-Neuwaldegg in die Stadt haben die verschiedenen Radbeauftragten der Stadt Wien bisher nicht geschafft. Antwort bei den jährlichen Urgenzen: „Alles sehr kompliziert.“

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Gero Vogl
studierte Physik an der Universität Wien, habilitierte sich an der Technischen Universität München. Von 1977 bis 1985 Professor an der Freien Universität Berlin und Direktor am heutigen Berliner Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie. Von 1985 bis 2009 Ordinarius für Physik an der Universität Wien. Sein Forschungsschwerpunkt: Materialforschung. [ Uni Wien]