Istanbul Biennale: „Die türkische Kulturszene nicht isolieren“

3500 Flaschen muss sie noch zertrümmern für ihre Installation: die Südafrikanerin Lungiswa Gqunta.
3500 Flaschen muss sie noch zertrümmern für ihre Installation: die Südafrikanerin Lungiswa Gqunta.(c) Güsten

Mitte September startet die angesichts des politischen Klimas in der Türkei bisher brisanteste Ausgabe des traditionsreichen Kunst-Festivals. Das Kuratoren-Duo Elmgreen & Dragset will dadurch Kunst und Szene stärken.

In Istanbul wird gehämmert und gebohrt für die Biennale: Viele Künstler aus aller Welt sind schon eingetroffen und damit beschäftigt, ihre Kunstwerke zu installieren. Unter schwierigen Vorzeichen startet im September die 15. Istanbul-Biennale. „Ein guter Nachbar“ lautet das Motto, das sich die in Berlin lebenden skandinavischen Künstler-Kuratoren Elmgreen & Dragset ausgedacht haben. 55 Künstler aus 32 Ländern sollen das Thema in Kunst umsetzen und dabei von der abstrakten Ebene der Politik auf ihre persönlichen Erfahrungen holen, so das Konzept. Überschattet wird das Kulturereignis im Vorfeld von der Frage, ob es angesichts der aktuellen Repressionen in der Türkei überhaupt richtig ist, dort eine Biennale zu veranstalten. Schließlich wird die Meinungsfreiheit in der Türkei immer weiter eingeschränkt: Mehr als 150 Journalisten sitzen im Gefängnis, die Justiz hat fast 4000 Strafverfahren wegen des Vorwurfs der Beleidigung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan eingeleitet.

Über sechs Schauplätze in der City ist die Biennale verteilt; einer davon ist die griechische Grundschule von Galata, die seit dem Exodus der Griechen aus Istanbul verlassen ist. Im Hintereingang der Schule ist die südafrikanische Künstlerin Lungiswa Gqunta (siehe Bild) damit beschäftigt, Colaflaschen zu zertrümmern – mehr als 3500 Flaschen hat sie noch vor sich, bevor sie an die Installation ihres Werks gehen kann. Einen Rasen aus zerbrochenen Flaschen voll grün schimmernden Benzins – mit Brandschutzlösung versetzt – will sie daraus gestalten, um die fortbestehende Diskrepanz zwischen den weißen Vororten von Südafrika und dem Township zu illustrieren, in dem sie als schwarze Südafrikanerin noch immer lebt.

 

Mit Scherben gegen die Normalität

Die junge Künstlerin legt den Hammer nieder, streift die Handschuhe ab und schiebt die Schutzbrille hoch. „Vom Benzin und den Glasscherben sollen Gewalt und Bedrohung ausgehen“, erklärt sie ihr Kunstwerk. „Ich will damit Normalität und Wohlbefinden stören.“ In Istanbul fühle sie sich mit ihren Themen der Gentrifizierung und Verdrängung am rechten Ort, sagt sie. „Als ich gesehen habe, was hier passiert, hat es gleich geklickt bei mir“, erzählt sie von ihren ersten Tagen hier. „Ich dachte, das ist ja perfekt, wie das alles zusammenpasst – ein erschreckender Gedanke, dass wir alle mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben, aber auch ein wunderbarer Augenblick der Verbundenheit.“

Das Thema „Gute Nachbarn“ passt in die Zeit, finden die Kuratoren – besser noch, als sie bei der Konzeption vor eineinhalb Jahren hätten ahnen können. „Seit wir uns das Thema ausgedacht haben, ist nicht nur Trump mit der Forderung nach einer Mauer an der Grenze zu Mexiko gewählt worden, sondern auch der Brexit aufgekommen, wo Großbritannien sich als weniger guter Nachbar zu Westeuropa entpuppt hat“, sagt Michael Elmgreen. Zugleich hat sich in diesen eineinhalb Jahren das Klima in der Türkei so drastisch verschärft, dass die Biennale zeitweise sogar in Frage stand. Angesichts der Repressionen im Land und insbesondere nach dem Putschversuch im vergangenen Sommer hätten sie sich gut überlegt, ob sie an dem Mandat festhalten sollten, sagen die Kuratoren.

„Wir haben den kuratorischen Prozess damals auf Eis gelegt, um erst einmal mit Künstlern, Akademikern, Schriftstellern hier zu sprechen, auch mit Oppositionspolitikern – um mit ihnen zu erörtern, was eine Biennale in dieser Zeit leisten sollte und ob eine Biennale hier jetzt überhaupt richtig und wichtig ist“, erzählt Elmgreen. Dabei hätten sie die Gewissheit bekommen, dass die Biennale von den Künstlern in der Türkei gebraucht werde – und zwar mehr noch als zuvor: „Weil es für sie gerade jetzt wichtig ist, mit anderen Menschen zusammen zu kommen, Verbundenheit zu spüren und einen intellektuellen Austausch zu haben mit einem internationalen Publikum und Künstlern von außerhalb.“

 

Raus aus dem sicheren Hafen!

Forderungen nach einem Kulturboykott der Türkei, wie sie teils im Westen erhoben werden, lehnt das Kuratoren-Duo ab. Die türkische Kulturszene jetzt auch noch zu isolieren wäre kontraproduktiv, finden sie – und nicht im Interesse der Kunst, die sich schließlich auch mit unliebsamer Realität auseinanderzusetzen habe. „Natürlich ist es nicht ideal, dass es hier nicht die westliche Auffassung von Meinungsfreiheit gibt“, sagt Elmgreen. „Aber wenn Kunst nur in Demokratien westeuropäischen Standards möglich wäre, könnte sie nur in wenigen Ländern stattfinden.“ Es wäre doch etwas zu einfach, nur im sicheren Hafen zu sitzen und darüber zu sprechen, was anderswo in der Welt los sei.

Die Solidarität mit der Kulturszene in der Türkei inspiriert auch einige der Künstler auf der Biennale. Im Museum moderner Kunst malt die in der Schweiz lebende marokkanische Künstlerin Latifa Echakhch einen Raum mit Fresken aus, die eine demonstrierende Menschenmenge darstellen – unschwer als die Gezi-Proteste in Istanbul von 2013 zu erkennen. Das Fresko zu malen sei nur der erste Schritt des Werks, erklärt sie. „Im nächsten werde ich es zertrümmern: die Wände einschlagen und die Scherben auf dem Boden liegen lassen, so wie die Scherben eines Freskos in einer antiken Ruine“, sagt sie. „Der Betrachter soll darin sowohl das politische Engagement sehen als auch die Vergänglichkeit und die Zerstörung – und dass da etwas ist, was wieder aufgebaut werden muss.“

Istanbul Biennale: von 16. September bis 12. November.