Von Obervellach aus wurde Gericht gehalten über den Bergbau des Habsburgerreiches – im Oberstbergmeisteramt auf dem Marktplatz.
Rita Wassermann, die Gastgeberin des Hauses Nummer 58 auf dem Hauptplatz, hat kein Problem mit dem komplizierten Namen ihres Hotels, des Oberstbergmeisteramts. Sie ist nur beunruhigt, ob die Gäste auch schlafen können. Draußen auf dem Platz rumort die Krampuslaufparty. Dort kündigt die Liveband den letzten Song an: „Ein Bett im Kornfeld“.
Alle sind betrunken. Die Buben vor den Boxen, denen aufgrund leichter Amnesie nichts mehr zu laut ist, tanzen Foxtrott dazu. Vom Oberstbergmeisteramt erreicht man in wenigen Minuten per Bus eines der wenigen Skigebiete des Landes, das auch im Hochsommer in Betrieb ist, den Mölltaler Gletscher. Früher war die Region ein Bergbauzentrum. Maximilian I. herrschte Ende des 15. Jahrhunderts unter anderem über sämtliche Bergwerke in der Steiermark, in Kärnten und Krain, und setzte mit Lamprecht Zäch den ersten „obristen Bergmeister“ der habsburgischen Länder ein.
Dieser sogenannte Oberstbergmeister war der Bergrichter in Obervellach, das Oberstbergmeisteramt war sein Amtssitz. Er überwachte den Erzabbau, der in den Tauern seine Hochblüte erlebte. Direkt vor dem Haus Obervellach 58 kündigt die Band jetzt ihren allerletzten Song an, „I wü ham nach Fürstenfeld“, das Publikum wiegt sich zum ewigen Lob der Provinz.
270 Jahre lang hatte Obervellach die Bergbauverwaltung des Habsburgerreiches inne, im Oberstbergmeisteramt liefen die Fäden zusammen. Heute managt Rita Wassermann das gleichnamige neu eröffnete Hotel mit dem originalen Arkadenhof. Und sie macht sich beträchtliche Sorgen um den Schlaf der Gäste, es ist ja schon lange nach Mitternacht, und die Band kündigt noch einmal einen letzten Song an, „Irgendwann bleib i dann durt“. Die angetrunkenen Krampusse waten in den Scherben von Bierflaschen, Fell reibt an Fell, gestupst wird jetzt viel, aber die Stimmung ist ausgezeichnet.
Vor zweihundert Jahren geriet das Oberstbergmeisteramt in die Krise. Hoch gelegene Stollen mussten aufgegeben werden, weil die Gletscher, um die man heute bangt, weit nach unten rückten. Außerdem sank die Baumgrenze um 400 Meter ab, sodass die Gruben nicht mehr leicht befeuert werden konnten. Die Band genehmigt sich jetzt doch noch einen volkstümlichen Song, dessen Text alle kennen, es geht um Liebe und Sehnsucht,
alle tanzen. Ortschaften wie Obervellach bieten offenbar heutzutage sehr effiziente Tanzkurse für Disco-Fox an. Männer tanzen mit Männern, Krampusse mit Krampussen, macht ja um
diese Uhrzeit nichts.
Die große Periode des Oberstbergmeisteramts endete 1778, als Maria Theresia die Gerichtsbarkeit nach Klagenfurt verlegte. Der Erzbergbau war zu dieser Zeit schon fast zum Stillstand gekommen. Übrig blieb das Oberstbergmeis-teramt als Gendarmeriestation, als Kleingericht und jetzt neuerdings als Hotel, in dem freundliche Leute wie Rita Wassermann die Gletscherbesucher empfangen. Die Band beginnt ihren allerletzten Song: „Purple Rain“.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at, Bestell-Info: Online oder Fax: 01/514 14-277.