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Wenn China nicht mehr die Fabrik der Welt sein möchte

Hannes Androsch, Rainer Nowak, Markus Rodlauer und Jörg Wuttke (v.l.).
Hannes Androsch, Rainer Nowak, Markus Rodlauer und Jörg Wuttke (v.l.).
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Peking investiert vier Mal mehr in Europa als umgekehrt. Mit einer neuen Strategie will China europäischen Firmen den Rang ablaufen

Wenn China erwacht, wird es die Welt erschüttern – ein Spruch, den Napoleon möglicherweise gesagt hat, möglicherweise auch nicht. Auf jedem Fall hat der Unternehmer und ehemalige Politiker Hannes Androsch am Freitag daran erinnert. Denn erwacht ist China schon lange, das riesige Land ist ein Player auf dem Weltmarkt geworden und somit eine Herausforderung für Europa, aber freilich auch eine Chance.

Im Frühjahr hat China die neue „Made in China 2025“-Strategie vorgestellt, die Mittelpunkt der gleichnamigen Diskussion war, mit Androsch, Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der EU-Handelskammer in Peking, sowie Markus Rodlauer, IWF-Vizedirektor für Asien, und mit „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak als Moderator. Peking will mit der neuen Strategie weg von seinem Image als „Fabrik der Welt“, sondern selbst Impulse setzen, Innovationen und Digitalisierung vorantreiben und somit nicht nur europäischen Firmen den Rang ablaufen. Die Staatsspitze hat sich bis zum Jahr 2025 konkrete Ziele dafür gegeben, und hier sieht Jörg Wuttke auch die große Schwierigkeit der Pekinger Vision: sehr starke Staatsplanung, keine offenen Märkte. „Die Regierung gibt den Firmen quasi die Marktanteile vor.“ Und diese Haltung wird mit den chinesischen Investitionen ins Ausland getragen.

„Das ist nicht akzeptabel“

Die chinesische Vision bringe auch Vorteile mit sich, sagt Wuttke. Eine anspruchsvollere Industrie, bessere Qualität, Fokus auf grüne Energie. Nicht zuletzt wolle man ja, dass China in Europa investiert, was längst in großem Ausmaß passiert. Waren die Europäer früher diejenigen, die mit Geld nach Peking gereist sind, ist es heute umgekehrt: Chinesen investieren vier Mal mehr in Europa. „Das ist nicht akzeptabel“, sagt Wuttke dazu.

Warum kann das zu einem Problem werden? Dadurch, dass die chinesischen Unternehmer mit vollen Koffern nach Europa kommen, ihnen der rote Teppich ausgerollt wird, vergisst die EU in ihrer Euphorie auf Transparenz und Fairness seitens China. Das Wort Ungleichheit spukt herum, wenn es um chinesische Investitionen geht – und bisher haben sich wenige europäische Regierungschefs mit dieser Problemstellung beschäftigt. Immerhin: Die Debatte darüber habe schon begonnen, wie Wuttke bemerkt.

Die Diskutanten erinnerten daran, dass Chinas Vision langfristig angelegt ist: Damit verschafft sich Peking einen Vorteil gegenüber Europa. Nun, heißt das, dass wir Angst vor China haben müssen? Nicht, wenn die Union eine gemeinsame Strategie entwickelt, aber dafür müsste sie raus aus der „Gartenlaubenmentalität“, wie Androsch meinte. Bisher sei keine Investition aus China abgelehnt worden, sagte Wuttke dazu, und hier müsse man künftig auch fragen: „Brauchen wir das wirklich?“

Mit Spannung und Interesse wird der nächste Parteitag der KP im Herbst erwartet, dann werden auch jene Player feststehen, die die neue China-Strategie in den nächsten Jahren prägen werden. Jetzt schon ist China ein Boom-Land (blendet man heikle Kapitel wie Menschenrechte aus). Allein 40 Prozent des weltweiten E-Commerce findet hier statt, wie Rodlauer sagte. Er fügte aber hinzu, dass die öffentlichen und privaten Schulden schneller wachsen würden als das BIP: „Das steuert auf ein nicht so gutes Ende zu.“ Allerdings habe China enorme Reserven. Ein Lehman-Brothers-Szenario wird es mit Peking so schnell also nicht geben. (duö)