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Merk's Wien

Wiener Melange im Pappbecher? Anstandslosigkeit greift um sich

Das „G'hört sich“ wird immer seltener. An vielem, aber nicht an allem ist die Flüchtlingswelle schuld.

Worauf freut sich der Wiener, wenn er vom Urlaub kommt? Unter anderem auf einen Trunk frischen Wassers. Frischen Quellwassers. Wien ist diesbezüglich gesegnet – Kaiser Franz Josef und mehr noch Bürgermeister Karl Lueger ist zu danken, dass die Millionenstadt an der Donau ihr Wasser bezieht, das unter anderem aus dem Hochschwabgebiet stammt. Immer wieder wird es dann auch in den Kaffeehäusern zum Mokka serviert oder zur Melange oder dem Kleinen Braunen und was da noch möglich ist als Variation Wiener Kaffeehauskultur.

In der Tat: Es lassen sich Hymnen schreiben über das, was die Wiener Kaffeehausliteratur von sich gibt. Sie ist wertvoll, und sie sollte ebenso preisgekrönt bleiben wie andere Juwelen heimischer Dichtkunst. Sie paart sich mit den Überbegriffen, die ihrerseits wieder ihr Eigenleben haben. Sitte ist einer der Überbegriffe, oder Anstand, oder ganz generell auf Wienerisch: was „G'hört sich“.

Die Zahl dessen, was sich gehört, das „G'hört sich“, wird immer weniger. Warum eigentlich? Der Begriff des Anstands hat sprachlich mit dem Begriff Anständigkeit zu tun. Das Gegenteil ist die Unanständigkeit. Der Anstand wird, wie man glauben könnte, immer seltener. Es ist demnach auch der Seltenheitswert dessen, was man heute noch unter Anstand versteht, immer rarer geworden. Als Otto von Berger sein Buch „Der gute Ton“ schrieb, wusste man, was gemeint war. Er nannte sein Werk „Buch des Anstands und der guten Sitten“. Er brachte es 1886 zu Papier. 2009 ist es neu erschienen, im Primus-Verlag. Was sich indessen in dieser Materie geändert hat, könnte Bibliotheken füllen.


Man trifft die Unanständigkeit immer häufiger, und es wird den Menschen immer weniger bewusst, dass Tätigkeiten, die früher nicht nur ungebräuchlich, sondern – ja, unanständig waren oder jedenfalls als unanständig galten, heute selbstverständlich oder zumindest akzeptiert sind. Darf der kleine Mokka (oder auch der große oder die Melange oder ein Kleiner Brauner, die Wiener Kaffeekultur ist die reichste der Welt und übertrifft auch die italienische) als Beispiel dienen?

Es hat Zeiten gegeben, als es ungehörig war, edle Getränke dieser Art nicht am Kaffeehaustisch zu konsumieren. Die Kaffeehausatmosphäre gehört dazu, das Zeitungsrascheln, der Ober – ganz gewiss keine junge Dame, so hübsch sie auch sein mag. Warum heißt der Ober eigentlich so? Warum wird er nicht Kellner genannt, wie in normalen Restaurants üblich? Ganz einfach: Das Wiener Café ist eben kein Restaurant im herkömmlichen Sinn. Es ist – eben ein Wiener Café. Auf der Straße seine Produkte zu konsumieren und noch dazu im Pappbecher, ist ungehörig, unsittlich, weit weg von jedem „G'hört sich“.

Dass der Anstand immer mehr verloren geht, ist auch dort zu merken, wo mehrere Leute zusammenkommen. Es wäre einfach, solches der Flüchtlingssituation zuzuschreiben. Die meisten kommen aus anderen Kulturkreisen. Aber es wäre falsch, ihnen die ganze Schuld an der Verlotterung der Sitten anzulasten. Auch im Theater und Konzert, ja sogar in der Kirche herrscht das Gebot: „Komm, wie du bist!“ Jüngst sah ich in der Franziskanerkirche eine ältere Dame so, wie man früher sonntags zum Gottesdienst ging: Kleid, Hut, Handschuhe. Sie ist dennoch nicht wie ein Weltwunder angestarrt worden. Immerhin ein Fortschritt.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2017)