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Air Berlin: Das große Feilschen

(c) APA/AFP/PATRIK STOLLARZ
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Mindestens sechs Interessenten, allen voran die Lufthansa, gibt es für die insolvente Fluglinie samt Tochter Niki. Deren Alleingang dürfte an den Kosten scheitern.

Berlin/Frankfurt/Wien. Jetzt geben sich die Interessenten die Klinke in die Hand: Gestern, Dienstag, war Niki Lauda bei Air-Berlin-Sachwalter Lucas Flöther, heute, Mittwoch, ist der Fabrikant Hans Rudolf Wöhrl dran. Fix im Rennen ist allen voran die AUA-Mutter, Lufthansa, die für 90 der 140 Air-Berlin-Flugzeuge samt Crews sowie Niki komplett gut 100 Mio. Euro auf den Tisch legen will. Die britische Billigairline Easyjet spitzt auf 40 Flugzeuge, die Thomas-Cook-Tochter Condor will ebenfalls eine zweistellige Zahl an Maschinen.

Die nach Passagieren größte europäische Airline, die Ryanair, hat gerade ihre Strategie geändert. Deren Chef, Michael O'Leary, wollte bisher nach dem Motto „Alles oder nichts“ die insolvente Air Berlin samt Niki komplett übernehmen. Jetzt ist man laut Marketingchef Kenny Jacobs nur an Teilen interessiert, vor allem an Routen. O'Leary, Wöhrl und Lauda kritisieren den Einstieg der Lufthansa, weil diese ihre Dominanz weiter ausbauen würde. Laut Lauda hätten die Deutschen dann 90 Prozent Marktanteil in Österreich und 80 Prozent in Deutschland. Die Sorge ist nicht unberechtigt: Die Lufthansa, die ihre Billigtochter Eurowings massiv aufrüsten will, wirbt bereits um Personal für sie und hat Stellen für 200 Piloten und 400 Flugbegleiter ausgeschrieben.

Ryanair bläst Gegenwind aus der deutschen Politik entgegen: Berlins regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD), warnt vor der irischen Billigairline und macht sich für die Lufthansa stark. „Ryanair ist ein arbeitnehmerfeindliches Unternehmen. Das Geschäftsmodell ist frühkapitalistisch“, sagte er dem „Tagesspiegel“. Er fürchtet, dass „Mitarbeiter von Air Berlin, die nicht gekündigt würden, wahrscheinlich zu irischen Arbeitsverträgen als selbstständige Subunternehmer arbeiten“ müssen. Die Fluglinie Germania hat indes beim Landgericht Berlin ein Eilverfahren gegen den Staatskredit von 150 Mio. Euro eingeleitet.

 

Angebote bis 15. September

Viel Zeit, in die Bücher der vom Großaktionär Etihad fallen gelassenen Air Berlin zu schauen, haben Anwärter ohnedies nicht. Bis 15. September sollen verbindliche Offerte vorliegen, wenig später soll der Gläubigerausschuss beraten – und möglicherweise auch entscheiden, sagte ein Air-Berlin-Sprecher. Airline-Chef Thomas Winkelmann hat vergangene Woche erklärt, bis Ende September eine Lösung anzustreben. Der Zeitdruck ist geboten, weil Air Berlin nur durch den Staat in der Luft gehalten wird. Da sich Flugausfälle mehren und die Zukunft ungewiss ist, gehen die Buchungen zurück. In der Woche, nachdem die Insolvenz angemeldet worden ist, wurden rund 160 Flüge gestrichen. In der Woche davor waren es nur 30 Flüge, berichtet der „Tagesspiegel“.

Insider rätseln inzwischen, wer hinter Lauda stehen könnte und wie ein Alleingang von Niki funktionieren soll. Die Airline war unter dem Ex-Formel-1-Champion erfolgreich, weil Verwaltung, Vertrieb, Verkauf und Marketing über die Air Berlin liefen. „Ich habe als Eigentümer von Anfang an alle überflüssigen Kosten verhindert“, sagte Lauda jüngst. Bei einem Alleingang müssten all diese Systeme teuer aufgebaut werden.

Lauda will im September Klarheit

Lauda will nach eigenen Worten in den kommenden Wochen einen Kauf der von ihm gegründeten Gesellschaft Niki prüfen. "Also Mitte, Ende September sollte es Klarheit geben. Dann kann ich sagen, was machbar ist", sagte der frühere Rennfahrer der Zeitung "Österreich" laut Vorabbericht vom Dienstag. Ab Mittwoch würden die Zahlen der Air-Berlin-Tochter geprüft, was zwei bis drei Wochen dauere. "Dann wissen wir, was Sache ist, wie Niki dasteht, und können entscheiden", so Lauda.

Lauda hat seine Anteile an Niki sukzessive an die Air Berlin verkauft und ist 2011 komplett ausgestiegen. Was für ihn ein gutes Geschäft war. Als die Air Berlin bei Niki auf 49,9 Prozent aufstockte, zahlte sie 21 Mio. Euro. Außerdem erhielt Laudas Privatstiftung ein Darlehen über 40,5 Mio. Euro – im Gegenzug bekam Air Berlin eine Option auf die restlichen Anteile. Das Darlehen fiel bei Laudas Ausstieg zur Gänze an seine Stiftung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2017)