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Wien baut Gesundheitssystem um

Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner und Wiener Gebietskrankenkassenchefin Ingrid Reischl.
Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner und Wiener Gebietskrankenkassenchefin Ingrid Reischl.(c) APA/HERBERT PFARRHOFER

In der Donaustadt wurde ein neues Primärversorgungszentrum eröffnet – viele weitere sollen folgen. Die Wiener Gebietskrankenkasse will Gruppenpraxen zur Umwandlung motivieren.

Wien. Das österreichische Gesundheitssystem ist teuer und ineffizient. Das attestieren internationale Experten mit der vor Kurzem veröffentlichten Sozialversicherungsstudie einmal mehr. Um das zu ändern, empfehlen sie eine Reduktion teurer Spitalsaufenthalte. Das will Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) unter anderem durch die Errichtung von sogenannten Primärversorgungszentren erreichen. Das sind Einrichtungen, in denen Allgemeinmediziner mit anderen Gesundheitsdienstleistern wie etwa Psychologen, Krankenschwestern oder Diätologen zusammenarbeiten. Außerdem sind die Öffnungszeiten meist deutlich länger und flexibler als bei normalen niedergelassenen Ärzten.

In Österreich gibt es bereits zwei sehr gut funktionierende Pilotprojekte in Enns (Oberösterreich) und in Wien Mariahilf. Am Dienstag wurde in Wien Donaustadt nahe dem Donauspital ein weiteres Primärversorgungszentrum eröffnet. In der Zschokkegasse 140 stehen ab sofort drei hoch qualifizierte praktische Ärztinnen, eine Psychotherapeutin, eine Ernährungsberaterin und eine Krankenschwester 50 Stunden pro Woche zur Verfügung. Sie sollen die Ambulanz des Donauspitals entlasten und haben sich vertraglich verpflichtet, Patienten, die geschickt werden, zu behandeln.

 

Zentren teurer als Hausarzt

Was in Wien nun als zweiter Pilotversuch gestartet wurde, könnte bald in großer Zahl umgesetzt werden – denn Stadt und Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) planen einen massiven Ausbau dieser Primärversorgungszentren. „Wir haben vor, all jenen Gruppenpraxen, bei denen derzeit zwei Vertragsärzte arbeiten, eine dritte Stelle und eine Umwandlung in ein Primärversorgungszentrum anzubieten“, sagt Ingrid Reischl, Obfrau der WGKK, gegenüber der „Presse“. Und: „Es hat sich herausgestellt, dass es einfacher ist, bestehende Praxen umzuwandeln, als neue aufzubauen. Immerhin müssen hier mehrere Personen miteinander ein wirtschaftliches Risiko eingehen und zusammen gründen.“

Das sei leichter, wenn man sich vertraue und kenne. Nicht zuletzt aufgrund dieser Hürde hat sich die Eröffnung des Zentrums in der Donaustadt um fast zwei Jahre verzögert: Es musste drei Mal ausgeschrieben werden, bis sich eine passende Konstellation an Ärzten fand. Das nächste konkrete Primärversorgungszentrum soll übrigens in Rudolfsheim-Fünfhaus nahe dem ehemaligen Kaiser-Elisabeth-Spital entstehen – die Interessentensuche läuft bereits.

Die Gründung des Primärversorgungszentrums in der Donaustadt wurde erst durch finanziellen Zuschuss der Stadt Wien möglich. Für den Start und Aufbau der Infrastruktur bekam das Zentrum 270.000 Euro Pauschale – 165.000 steuerte die Stadt Wien bei. Zusätzlich werden künftig die einzelnen Arztleistungen laut Tarifkatalog von der Gebietskrankenkasse abgegolten.

Tatsächlich kommen diese Zentren die WGKK laut Reischl teurer als eine Behandlung bei einem niedergelassenen Arzt. „Dennoch, längerfristig ist das der richtige Weg, weil wir bei Fachärzten und Ambulanzaufenthalten sparen werden“, sagt sie. Das hätte nicht zuletzt auch die Evaluierung des Zentrums in Mariahilf gezeigt. Bei einer Befragung hatten rund 20 Prozent der Patienten angegeben, dass sie alternativ einen Facharzt aufgesucht hätten, wenn es das Primärversorgungszentrum nicht gäbe. Jeder fünfte Patient hätte eine Spitalsambulanz aufgesucht. Die Zufriedenheit mit der Behandlung ist hoch: 98 Prozent gaben an, das Zentrum weiterempfehlen zu wollen.

Die Primärversorgungszentren sollen den Hausärzten laut Reischl übrigens keine Konkurrenz, sondern ergänzendes Angebot sein. Apropos Ärzte: Es soll die nächsten Jahre nicht nur mehr Primärversorgungszentren geben, sondern auch Ärzte mit Kassenverträgen. Immerhin ist Wien in den vergangenen Jahren um Zigtausende Bewohner reicher geworden. Ein dementsprechender Strukturplan wird alle vier Jahre erstellt und sei aktuell kurz vor der Fertigstellung.

 

Österreichweiter Ausbau

Wien ist nicht das einzige Bundesland, das die Primärversorgungszentren ausbauen will. Das Gesundheitsministerium plant, bis 2021 in ganz Österreich 75 Zentren zu errichten. Zwischen Ärztekammer, Krankenkassen und Gesundheitsministerium gab es ein jahrelanges Tauziehen. Erst Ende Juni dieses Jahres wurde das Primärversorgungsgesetz beschlossen, wodurch die Ärzte Rechtssicherheit bekommen haben.

Entwicklung

Versorgung. Im internationalen Vergleich suchen die Österreicher die Spitalsambulanzen häufig auf – ein Teil dieser Personen könnte auch beim niedergelassenen Arzt behandelt werden. Darum forcieren Bund und Länder schon seit längerem sogenannte Primärversorgungszentren. Dor arbeiten Ärzte mit anderen Gesundheitsdienstleistern . Nach jahrelangem Tauziehen zwischen Ärztekammer, Ministerium und Krankenkassen wurde nun Ende Juni ein dementsprechendes Gesetz verabschiedet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2017)