Mit dem Glasfaserkabel gegen die Landflucht

Surfen im Dorf – falls es Empfang gibt.
Surfen im Dorf – falls es Empfang gibt.Katharina Roßboth

Infrastruktur. Die Regierung soll zehn Mrd. Euro in den Breitbandausbau investieren, fordert Wirtschaftsminister Mahrer. Mit den bisher „bestenfalls mittelmäßigen“ Anstrengungen würde Österreich im internationalen Wettbewerb nicht bestehen.

Die Vorführung in der holzgetäfelten Stube im Alpbacher Ortszentrum ist ernüchternd: 12,8 Megabit lädt das Hotelinternet pro Sekunde herunter. Zur Erinnerung: Die Regierung will das Land dank „Breitbandmilliarde“ in drei Jahren flächendeckend mit ultraschnellem Internet mit 100 Megabit pro Sekunde versorgen.
Die Ernüchterung im Alpbacher Hotel hat ihren Zweck. Sie ist Teil der Kampagne der Jungen Wirtschaft (JW), die ihre Mitglieder zu Tests im ganzen Land aufruft. Sie startete ihre „Mission Breitband“ am Dienstag nicht ohne Grund vor der Bergkulisse. „Ich kann keinem jungen Unternehmer raten, sich im Lungau selbstständig zu machen, wenn er dort nicht die gleichen Möglichkeiten wie in der Stadt hat. Es gibt fast eine Zwei-Klassen-Gesellschaft beim Thema Breitband“, sagt JW-Chefin Amelie Groß. Dabei ist die Stube im Vergleich gar nicht so schlecht angebunden. 44 Prozent aller festen Breitbandanschlüsse erreichen nicht einmal zehn Megabit pro Sekunde, so Groß. Ein Ranking der OECD ist noch alarmierender: Nur 1,5 Prozent der österreichischen Breitbandanschlüsse laufen über die neuen Glasfaserkabel, im OECD–Schnitt sind es 17,9 Prozent, beim digitalen Vorreiter Estland 73 Prozent. Diese Realität betreffe den Tischler genauso wie das IT-Start-up oder die Pension am Land, in der sich die Gäste über das langsame WLAN aufregen.

„Haben in der Pendeluhr geschlafen“

Groß hat mit Wirtschaftsminister Harald Mahrer einen aktiven Fürsprecher ihrer Digitalisierungsoffensive an der Seite. „Die Entscheider haben in den letzten Jahren in der Pendeluhr geschlafen“, sagt er. Die Anstrengungen seien „bestenfalls mittelmäßig“ gewesen. Nun drohe Österreich in der EU ins letzte Viertel bei der Breitbandversorgung zurückzufallen. Dabei sei ein hochleistungsfähiges Glasfaserkabelnetz heute genauso als „kritische Infrastruktur“ zu betrachten wie früher Telefonleitungen oder der Postbus, der das entlegene Dorf anfährt. Das Netz auch durch die abgeschiedenen Täler zu ziehen, wo die privaten Anbieter nicht von selbst hingehen, sei im Sinne der Gerechtigkeit und – im Kampf gegen die Landflucht – Pflicht des Staats.


Deutschland hätte die Entwicklung 2014, als die „Breitbandmilliarde“ in Österreich beschlossen wurde, genauso unterschätzt, sagt Mahrer. Aber dort habe man kürzlich mit der Präsentation geplanter Investitionen von 100 Mrd. Euro für den Breitbandausbau bis 2025 nachgezogen. Die Lektion müsse für Österreich lauten, selbst zehn Mrd. Euro in die zu Hand nehmen. Mahrer fordert einen Gigabit-Masterplan im neuen Regierungsprogramm, „egal, wer dann in der Bundesregierung sitzt“. Auch die Bürgermeister sollen in die Pflicht genommen werden, Glasfaserkabel statt Kreisverkehre zu bauen.

Land der Berge und Pioniere?

Mit diesen zehn Mrd. könnte man laut Mahrer und Groß die Minimalanforderung von 100 Megabit pro Sekunde für 2020 weit übertreffen und die Tür für Größeres öffnen. Das Zauberwort heißt 5G. Zurzeit rittern viele kleine europäische Länder um die Pionierrolle bei der nächsten Generation des Handynetzes. Die privaten Betreiber hätten laut Mahrer Interesse an Österreich. Durch die variierende Topografie mit Bergen wie in Alpbach biete es ihnen ein spannendes Forschungsfeld. Bis zu 40.000 zusätzliche hoch bezahlte Arbeitsplätze und bis zu 40 Mrd. Euro mehr Wirtschaftsleistung sollen allein in den Jahren von 2025 bis 2028 herausschauen, zitiert Mahrer mehrere Studien. Aber keiner stelle einen Funkmast auf, wenn die Voraussetzungen nicht passen. Dafür braucht es laut dem Minister neben einfacheren Zulassungsverfahren wiederum – erraten – Glasfaserkabel im ganzen Land.


Die JW will bis Dezember auf ihrer Homepage Unterstützungen sammeln. Der ernüchternde Selbsttest soll Überzeugungsarbeit leisten. Dann soll das Ansinnen bei Infrastrukturminister Jörg Leichtfried landen. In seinem Ressort sind Fragen rund um „Breitbandmilliarde“ und Co. angesiedelt. Seine Zustimmung dürfte aber das kleinste Problem sein. Er hat bei den Technologiegesprächen vergangene Woche nicht zum ersten Mal seine Unterstützung für den Breitbandausbau betont. Wo das Geld dafür herkommen soll, ist freilich noch nicht klar.