Statt Menschen werden Strukturen geschützt

Diskussion über Produktivität: IHS-Chef Martin Kocher, T-Mobile-Chef Andreas Bierwirth, AUA-Chef Kay Kratky, Wirtschaftskammer-Vizepräsidentin Ulrike Rabmer-Koller und Moderatorin Judith Hecht („Die Presse“).
Diskussion über Produktivität: IHS-Chef Martin Kocher, T-Mobile-Chef Andreas Bierwirth, AUA-Chef Kay Kratky, Wirtschaftskammer-Vizepräsidentin Ulrike Rabmer-Koller und Moderatorin Judith Hecht („Die Presse“).Maria Noisternig
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Produktivität. Österreich ist für die Digitalisierung nicht gewappnet, meinen Wirtschaftsexperten. Vor allem mangle es an qualifizierten IT-Fachkräften. Kurzfristig müsse man die aus dem Ausland holen, mittelfristig brauche es neue Studiengänge.

„In Österreich haben wir die Tendenz, Jobs zu schützen, und nicht Menschen“, sagt IHS-Chef Martin Kocher. Soll heißen, dass man Arbeitsplätze erhält, die nicht mehr zeitgemäß sind, statt Menschen dabei zu helfen, sich an neue Entwicklungen anzupassen. „Aber genau das muss in unsere DNA hinein.“ Gerade im Bereich der Digitalisierung habe Österreich Probleme, die angegangen werden müssten, ist der Tenor einer Breakout Session am Mittwoch in der Hauptschule. „Geringeres Produktivitätswachstum trotz digitaler Revolution? Schlussfolgerungen für Europa“, lautet der etwas sperrige Titel. Doch dahinter verbergen sich konkrete Probleme.

Vor allem den Fachkräftemangel spricht Ulrike Rabmer-Koller, Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich, an. „Wir haben viele niedrig qualifizierte Arbeitslose. Bei der Digitalisierung wird das noch viel mehr – und das wird dramatisch, wenn wir das Bildungssystem nicht ändern.“ Derzeit, sagt T-Mobile-Chef Andreas Bierwirth, müsse man in Osteuropa „wildern“, wie er es nennt, um an gut ausgebildete IT-Fachkräfte zu kommen. Weil es in Österreich schlicht zu wenige Qualifizierte gibt. Gerade dann, wenn man IT als einen Bereich begreift, der ein Abbild der gesamten Unternehmenskultur sein und der auch Geschäftsmodelle entwickeln soll. Es brauche, so Bierwirth, mehr Studiengänge in Österreich, die IT und die Unternehmerseite verbinden.

Qualifizierte Ausländer ins Land holen

Doch das, meint AUA-Chef Kay Kratky, werde einige Zeit dauern, bis man so aus eigener Kraft an heimische Arbeitskräfte komme – fünf bis zehn Jahre Minimum. Bis dahin „müssen wir sehr attraktive Arbeitsplätze gestalten, damit viele Ausländer kommen“. Und für die weitere Zukunft, sagt Rabmer-Koller, müsse man schon im Kindergartenalter das Interesse an Technik wecken. „In Asien gehen Kinder schon spielerisch mit der IT um.“

Dass man sich in der Arbeitswelt mit Veränderungen durch Digitalisierung auseinandersetzen muss, darüber herrscht jedenfalls Konsens. Die entscheidende Frage, die ja auch schon der Titel der Session nahelegt, ist, ob es dabei gelingt, Arbeitsplätze zu erhalten bzw. gleich viele oder sogar mehr neue zu schaffen. Bei der AUA, sagt Kratky, habe man in den vergangenen Jahren jedenfalls viel automatisiert – vom Check In bis zur automatischen Erstellung von Flugplänen. „Die Leute, die früher Pläne gemacht haben, haben andere Aufgaben bekommen.“ T-Mobile-Chef Bierwirth warnt allerdings, dass der technologische Wandel schneller komme, als man ihn erwarte. „Der Korken der Digitalisierung beginnt, mit enormer Kraft aus der Flasche zu fliegen.“ Viele Unternehmen seien aber noch nicht soweit und müssten sich mit Doppelstrukturen herumschlagen. „Technologische Sprünge fühlen sich heute spinnert an“, meint er. „Es werden dadurch sicher viele Arbeitsplätze verloren gehen“, vor allem im Niedriglohnbereich.

Da heimische IT-Fachkräfte noch Mangelware sind, kann diese Entwicklung negative Folgen für das Produktivitätswachstum haben. So wie es generell einige Hemmnisse für die Produktivität gebe, wie IHS-Chef Martin Kocher meint. Dazu gehören ihm zufolge die Zurückhaltung bei Investitionen, zu wenig Wettbewerb in einigen Branchen, künstlich am Leben erhaltene, eigentlich nicht mehr wettbewerbsfähige Unternehmen – die sogenannten „Zombiefirmen“. Außerdem, wie AUA-Chef Kratky ergänzt, dürfe man auch die politische Komponente nicht vergessen. „Was wir an Produktivität schaffen, geht verloren durch eine falsch verstandene Sozialpartnerschaft.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2017)


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