Ali Can kam mit drei als Asylwerber nach Deutschland, heute will er mit seiner „Hotline für besorgte Bürgerinnen“ die Angst vor dem Fremden mindern.
Zweimal in der Woche, am Mittwoch und am Donnerstag, sitzt Ali Can vor seinem Telefon und wartet auf Anrufer. Es sind freiwillige Helfer oder Lehrer, die wissen wollen, wie sie mit Asylwerbern umgehen sollen oder ihnen dabei helfen können, sich besser in Deutschland zu integrieren. Es sind aufgeschlossene, neugierige Bürger ebenso wie solche mit Vorurteilen und viel Wut, AfD-Sympathisanten und Grün-Wähler. „Es kommt auch vor, dass mich Anrufer beschimpfen und wieder auflegen.“ Er bleibt auch dann ruhig, sagt er, er verstehe sogar, dass Menschen Sorgen haben und irgendwo Dampf ablassen wollen. Schwierig werde es erst, wenn man permanent beleidigt werde, dann sei kein Gespräch mehr möglich. Vor einem Jahr hat er seine „Hotline für besorgte Bürgerinnen“ ins Leben gerufen, über die Erfahrungen, die er seither gesammelt hat, hat er ein Buch geschrieben, das soeben erschienen ist.
Ali Can war drei Jahre alt, als sich seine Eltern, kurdische Aleviten, mit ihm von einer Kleinstadt nahe der syrischen Grenze auf den Weg nach Warendorf bei Münster gemacht haben. Seit 2008 lebt die Familie in einem kleinen Ort nahe der Stadt Giessen. Can ist heute 23 Jahre alt, ist nach Berlin gezogen und kommt fast nicht mehr dazu, seinem Lehramtsstudium nachzugehen. Neben seiner Hotline-Arbeit gibt er Vorträge, hat eine Rubrik im Radio und besucht Konferenzen. „Ich sehe mich als Migrant des Vertrauens, ich komme persönlich und erzähle meine Geschichte.“ Vergangene Woche diskutierte er etwa beim Europäischen Forum Alpbach an der Seite der österreichischen Staatssekretärin Muna Duzdar auf einem Podium und diskutierte über den richtigen Umgang mit Populismus. Der Politikerin erzählte er danach von seinem Wunsch, seine Hotline auch nach Österreich zu bringen. „Die soll sich vor allem an FPÖ-Wähler richten.“
Ali darf zum ersten Mal wählen
Das Studium wird noch eine Weile warten müssen, jetzt geht Can erst einmal auf Werbetour für sein Buch. Der Student ist gut darin, sich und sein Anliegen zu vermarkten. Seine Botschaft ist denkbar einfach und doch nicht für jeden leicht zu verstehen: Er will mit Menschen in Dialog treten, zuhören und ihnen die Angst vor dem Fremden nehmen. „Indem ich über Gemeinsamkeiten in unseren Kulturen spreche.“ Er selbst sei in Deutschland so freundlich aufgenommen worden, „ich möchte dem Land etwas zurückgeben“. Seit zwei Jahren hat Can die deutsche Staatsbürgerschaft, am 23. September darf er erstmals wählen gehen. Zu Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik will er nichts sagen, so viel diplomatisches Geschick hat er bereits. Er will sich nicht von einer politischen Partei vereinnahmen lassen. Forderungen an die Politik hat er aber: „Wir brauchen mehr Begegnungsstätten in Deutschland, Österreich und anderswo, Räume des Miteinanders, und zivile Akteure müssen mehr unterstützt werden.“ Er rät auch Asylbewerbern zuerst die Sprache zu lernen und sich dann rasch ehrenamtlich oder in Vereinen zu engagieren. Beiden Seiten, den Flüchtlingen genauso wie den Deutschen rät er, jedem eine Chance zu geben und nicht zu pauschalieren.
Ali Can hat einen Traumberuf. Er will für Frieden im Kleinen, in der Gesellschaft werben. „Ich glaube, die Welt braucht Friedensstifter. Leider ist das kein Beruf, zumindest weiß ich derzeit noch nicht, wie ich das finanzieren soll.“ Auch die Hotline macht er auf eigene Faust und ehrenamtlich, seit Kurzem hilft ihm eine junge Frau dabei. Seine Eltern sind sehr stolz auf ihn, das älteste Kind von vier, „aber sie wollen natürlich auch, dass ich einen sicheren Beruf erlerne“.
ZUR PERSON
Ali Can (*1993) floh mit seinen Eltern als kurdischer Alevit nach Deutschland, als er drei Jahre alt war. Er studiert Lehramt, betreut seit einem Jahr eine Beratungshotline für Flüchtlingsfragen und hat seit zwei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft.
Soeben ist sein Buch erschienen: „Hotline für besorgte Bürger – Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens“ (Lübbe, 272 Seiten, 16, 50 Euro).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2017)