Einar Bjørndalen: Seine Braut hat keinen Namen

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Bjorndalen(c) EPA (JEON HEON-KYUN)
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Das Sonntagsinterview. Ole Einar Bjørndalen ist der König der Biathleten. Der 35-jährige Norweger strebt nach Perfektion. Er hasst Niederlagen und Bakterien, den Staubsauger lässt er aber mittlerweile zu Hause.

Sie haben neun Olympia-, 33 WM-Medaillen und 91 Weltcupsiege errungen. Halten Sie sich für einen Perfektionisten?

Ole Einar Bjørndalen: 91 Siege sind schon ziemlich perfekt, ja. Wann der 100. gelingt, weiß ich aber noch nicht. Für mich ist dabei nur wichtig, dass Ski und Waffe optimal auf mich eingestellt sind. Aber in Östersund hat man es ja gesehen, ich kann nicht immer gewinnen. Auch mir können Fehler passieren. Dann werde ich halt 43., aber das ist sehr ärgerlich.

Schimpfen Sie immer noch wie ein Rohrspatz, wenn Sie nach einer Niederlage aus dem Zielraum stapfen?

Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, mich unter Kontrolle zu halten. Mein Temperament ist auch besser geworden. Das war früher schon anders, da habe ich oft Sachen gesagt, die meine Frau besser nicht hören sollte.

Genieren Sie sich für Kraftausdrücke?

Nein.

Mit Ihrer Frau Natalie haben Sie aber keine sportliche Rivalität, oder gibt es in Obertilliach die eigene Bjørndalen-Meisterschaft?

Natalie hat ihre Karriere beendet. Es gibt also keine Familienmeisterschaft, obwohl es in Obertilliach meine Heimloipe gibt (lacht). Aber meine Frau reitet dafür viel besser als ich. Leider.

Sie sind für viele Wintersportler ein Idol. Welcher Sportler fasziniert Sie?

Mein Idol war immer Bjørn Dæhlie. Was er in der Loipe geleistet hat, war großartig. Er ist ein toller Typ, ganz Norwegen kennt ihn. Er war der Ausnahmeathlet unter den Langläufern. Er war toll.

Hat sich Ingemar Stenmark jemals bei Ihnen gemeldet und gratuliert, dass Sie ihn als Weltcuprekordsieger abgelöst haben?

Nein, hat er nicht. Er war ein Wahnsinns-Skifahrer, als Bub habe ich ihn auch bewundert. Leider kenne ich ihn nicht.

Sie waren bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City der Abräumer und gewannen bei allen vier Bewerben Gold. In Turin 2006 blieb der Goldregen aber aus, was passiert jetzt in Vancouver 2010?

Das kann ich zwar jetzt noch nicht sagen, aber das Massenstartrennen wäre schon ein super Wettkampf für mich. Dieses Gold fehlt mir noch. Aber ich will auch im Einzel und in der Staffel ganz vorne sein.

Was ist so besonders an Olympia?

Ja, du musst vier Jahre lang warten und dich darauf vorbereiten. Und dann kommt dieser eine Tag und das Rennen, du musst eine Topleistung bringen. Dazu kommen Flair und Anspannung, das ganze Drumherum. Das kann man schwer beschreiben, das ist schon einzigartig.

Laufen Sie immer noch bloßfüßig über heiße Kohlen, um für den Extremfall gewappnet zu sein?

Das habe ich früher gemacht, sicher zehn oder zwölf Mal. Das ist gut für das mentale Training, mir hat es gefallen. Aber das ist Jahre her.

Sie sind nicht nur für Wettkämpfe perfekt gerüstet, sondern auch auf Hotelzimmer spezialisiert. Haben Sie immer noch den eigenen Staubsauger dabei?

Nein, der ist weg. Endlich! Die Zimmer sind weltweit viel besser geworden, ich muss nicht mehr saugen. Aus den meisten Hotels sind die Teppiche verschwunden. Ich hasse Staub, da war oft viel Dreck. Und jede Menge Bakterien. Ich habe Angst vor Krankheiten. Kurz vor einem Wettkampf schüttle ich niemandem die Hand, sicher ist sicher.

Sie sind bereits seit 1992 im Biathlonweltcup unterwegs. Woher schöpfen Sie weiterhin Ihre Motivation?

Das Wichtigste ist für mich der Spaß. Ich habe immer Freude am Training, ich muss mich immer anstrengen, nur dann bin ich wirklich glücklich. Spaß und Schweiß, darum geht es mir. Der Rest kommt von selbst. Ich laufe und schieße schnell.

Apropos Schnell-Schießen: Sie brauchen für fünf Schuss knapp 18 Sekunden. Wie hoch ist da Ihr Puls?

Das ist und bleibt mein Geheimnis. Aber er ist sehr niedrig. Mehr verrate ich nicht.

Viele Menschen, die eine Waffe besitzen, geben Ihr auch gerne einen Namen. Wie heißt Ihr Gewehr? Vielleicht Betsy?

Nein, nein – mein Gewehr hat keinen Namen. Aber ich kann es jederzeit blind zerlegen. Ich kenne alle Teile, jede Schraube. Ich achte gut darauf.

Wie schaffte es der Biathlonzirkus, in Europa so einen Boom auszulösen? Zu jedem Rennen strömen die Massen.

Biathlon ist ein super Sport. Nehmen wir doch das Event in der Schalke-Arena her. Das kennt jeder. Das ist eine tolle Show, gut vermarktet und im Live-TV. Das ist Unterhaltung, das will jeder sehen. Es war sehr gut für Biathlon, hat in Europa große Stimmung gemacht. Leider geht das nicht jedes Jahr. Aber man bewegt viel damit.

Was halten Sie vom Weltcup in Hochfilzen?

Das ist eine sehr schöne Veranstaltung, seit der WM hat sich dort sehr viel entwickelt. Das Areal ist großzügiger geworden, es kommen mehr Fans. Es ist zwar von der Stimmung nicht so top wie Ruhpolding oder Oberhof, aber es ist trotzdem toll.

Dominik Landertinger sorgte heuer für die Überraschung mit dem WM-Titel. Ist er Österreichs bester Biathlet?

Er hat großes Potenzial, aber vergessen wir Christoph Sumann nicht. Der hat enorme Konstanz, bei Landertinger ist es noch eher ein Auf und Ab. Simon Eder ist euer bester Schütze.

Sie suchen manchmal auch die Herausforderung im Langlaufweltcup. Wann probieren Sie es wieder?

Langlauf ist meine Stärke. Ich habe ja auch einmal in Gällivare ein Weltcuprennen gewonnen, leider noch nie bei einer Weltmeisterschaft. Um da mitzuhalten, muss ich in absoluter Topform sein. Es muss passieren, vor allem aber muss es vom Zeitplan her passen. Biathlon hat Vorrang. Wann ich wieder ein Langlaufrennen bestreite, weiß ich noch nicht.

Also ist es auch kein Thema für Vancouver?

Nein, sicher nicht. Das passt mir dort nicht ins Programm. Schade.

Es gibt ja noch genug Rennen. Wie lange machen Sie eigentlich noch weiter?

Ich bleibe sicher aktiv bis Sotschi 2014. Dann bin ich 40 und habe genug. Dann will ich etwas ganz anderes machen und Abstand gewinnen. Doch wenn ich das geschafft habe, komme ich vielleicht zurück zum Biathlon.

Als Manager oder Trainer?

Das weiß ich noch nicht.

Was machen Sie an einem Sonntag, an dem Sie nicht zu einem Schießstand hetzen?

Sonntag oder Weihnachten, bei mir gibt es da keine Ausnahme. Wenn du etwas erreichen willst, musst du immer arbeiten. Also gehe ich laufen, langlaufen oder schießen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2009)

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