Doku-Soap: Santa Claus hat Sparstrümpfe an

(c) AP (Richard Drew)
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In Washington müssen Gabbi und John Abruzzi beim Shoppen, beim Feiern und bei der Weihnachtsbeleuchtung sparen. Die Stimmung wollen sie sich aber nicht ganz verdrießen lassen.

Lichtergirlanden schlingen sich um Fenster und Hausfassaden, laufen am Dach entlang und klettern hinauf in die Baumkronen. Was wären Amerikas Vorstädte ohne das Glitzern und Leuchten zur Weihnachtszeit – oder korrekter: zur „Holiday Season“ –, in der die Nachbarn sich gegenseitig zu übertrumpfen suchen mit kitschigen Dekorationen und kunstvollen Gebilden? Hier toben sich die Freizeitelektriker und Hobbykünstler aus. „Du solltest das mal bei meinem Bruder in Ohio sehen. Die fangen da schon am Tag nach Thanksgiving an“, sagt Gabbi Abruzzi schmunzelnd, während ihre drei Söhne im Haus herumtollen.

Sie selbst verspürt nicht den brennenden Ehrgeiz, sich und ihr Haus zur Schau zu stellen. In West Falls Church in Virginia geht es diskreter zu als etwa im Mittelwesten. Noch ist die Nachbarschaft zumeist in Dunkelheit gehüllt. Doch an diesem Wochenende rückt auch die fünfköpfige Abruzzi-Familie in den Wald aus, um einen Christbaum zu schlägern, Haus und Garten aufzuputzen und mit einer Lichterkette zu verzieren. Was sein muss, muss sein.

In mancherlei Hinsicht weichen die Abruzzis vom gängigen Klischee des Vorstadtamerikaners ab. „Ich bin keine typische Weihnachtseinkäuferin. Ich mag den Massenandrang und die mürrischen Leute in den Shopping Malls nicht, aber auch nicht das Online-Shopping wie es meine Schwiegermutter betreibt“, erzählt Gabbi. „Bereits im Sommer habe ich ein paar Geschenke besorgt: einen Harley-Davidson-Sweater für meinen Bruder, ein Bild für die Schwiegermutter.“ Wie die Mehrheit der Amerikaner liegen die Abruzzis heuer voll im Trend: Santa Claus hat Sparstrümpfe an. Den Buben soll es an nichts fehlen, doch Gabbi und ihr Mann John haben sich schon beschenkt – mit einer Ikea-Couch für die gesamte Familie. „Und wenn der Preis passt, wollen wir uns einen Flachbildschirmfernseher kaufen.“

Nichts als Rechnungen. Auch im Hause Abruzzi stapeln sich die Rechnungen. Gerade erst hat John 170 Dollar für den Tierarzt ausgegeben. Eine der beiden Katzen hat zwei Spritzen bekommen. John macht seinem Ärger Luft: „Es ist wie bei der Krankenversicherung: Du bezahlst immer höhere Prämien und kriegst dafür weniger Leistung. Das Gesundheitswesen ist ein Witz, die Kosten sind verrückt. Es ist höchste Zeit, dass sich da etwas ändert. Aber ich habe keine Ahnung, ob bei der Reform auch wirklich etwas herauskommt.“

Über die ungewisse Zukunft bei seinem Arbeitgeber, der Hypothekenbank Freddie Mac, will John lieber gar nicht erst viele Worte verlieren. „Das ist wahrlich kein Spaß. Die Moral ist am Boden, weil wir mit minimalen Ressourcen auskommen müssen. Aber es könnte schlechter sein“, tröstet er sich. Nur Gabbi weiß indes, wie sehr ihn die Situation bedrückt.

Sie hat inzwischen Karriere gemacht. Im Restaurant Willow, in dem sie bisher zwei Abende in der Woche gekellnert hat, bekleidet Gabbi jetzt den– großspurigen – Titel „Event Managerin“. Sie kümmert sich untertags um die Planung und das Drumherum von Hochzeiten, Geburtstags-, Familien- und Firmenfeiern, was ihr sichtlich Vergnügen macht. Dass die Amerikaner neuerdings auch beim Feiern sparen, hat sie längst registriert. „Das Geschäft ist eindeutig zurückgegangen. Die Partys finden im kleineren Rahmen oder zur Happy Hour statt. Das Kaufhaus Macy's hat die Weihnachtsfeier bei uns gleich ganz abgesagt.“

Der neue Tagesrhythmus hält sie auf Trab. „Ich bin ziemlich beschäftigt und muss mir meine Zeit jetzt besser einteilen.“ In der Früh verlässt sie mit Jake, ihrem Ältesten, das Haus, und am frühen Nachmittag kehrt sie mit Hans, dem Jüngsten, zurück. Momentan ist es der ideale Job für sie, wenngleich sie ihre Pläne für eine Rückkehr in den Lehrberuf nicht aufgegeben hat.

Zu Thanksgiving war das Haus voll mit Verwandtschaft, und das Nachbarhaus gleich dazu, das die Freunde den Abruzzis zur Verfügung gestellt hatten. Zu Weihnachten wird es beschaulicher zugehen. Gabbi wird ein fünfgängiges Fischmenü auftischen, und am Christtag wird die Familie in Pyjamas herumhängen. Aber vorher führt John seine Frau zur Abwechslung zum Essen aus. „Wir haben Sarah zu wenig als Babysitterin ausgenutzt“, sagt Gabbi. Johns Nichte aus Vermont, die in Washington ein Museumspraktikum absolviert hat, wohnt nur noch wenige Tage bei ihnen, ehe sie im Jänner ihr Studium auf Hawaii fortsetzt. Ein Hawaii-Weihnachtsurlaub – wie bei den Obamas – steht bei den Abruzzis zwar nicht auf dem Programm, dafür ein längeres Skiwochenende in Vermont.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2009)

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