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Studie

Gewerkschaften verlieren an Macht

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Europäische Gewerkschaften haben ein veritables Nachwuchsproblem. Aber auch Dienstnehmergruppen, die eher Schutz brauchten als andere, sind oft unterrepräsentiert.

Wien. Durch die Gewerkschafterbrille betrachtet, ist Dänemark so etwas wie eine Insel der Seligen. 69,1 Prozent der Arbeitnehmer im Alter von 16 bis zu 65 Jahren sind dort gewerkschaftlich organisiert. Freilich: 2002 waren es noch 77,7 Prozent. Ganz rund läuft es also sichtlich auch dort nicht für die Gewerkschaften.

Mit sinkenden Mitgliederzahlen haben die Arbeitnehmerorganisationen europaweit zu kämpfen: Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), für die Daten des European Social Survey (ESS) ausgewertet wurden, verzeichneten von 16 untersuchten europäischen Ländern nur zwei, Belgien und Spanien, seit 2002 einen prozentuellen Anstieg der Gewerkschaftsmitglieder, alle übrigen einen Rückgang. Auch Österreich: Hier sind nach den aktuellen Zahlen des Survey – die allerdings aus dem Jahr 2014 stammen – nur noch 25,5 Prozent der Arbeitnehmer bei einer Gewerkschaft. 2002 waren es noch 28,9 Prozent. Wobei die jüngsten Zahlen sogar schon wieder eine leichte Erholung darstellen: 2008 war der Anteil mit 25,3 Prozent sogar noch etwas niedriger.

Für die Rückgänge machen die Studienautoren vor allem drei Ursachen aus: Mitarbeiter kleiner Unternehmen sind in den Gewerkschaften der meisten Länder unterrepräsentiert, dasselbe gilt für sogenannte atypisch Beschäftigte – womit hier Teilzeitkräfte und solche mit befristeten Dienstverträgen gemeint sind. Und: Die Gewerkschaften haben ein veritables Nachwuchsproblem. In Deutschland etwa stellt die Altersgruppe der 16- bis 30-Jährigen knapp ein Viertel der Arbeitnehmer, aber nur rund 15 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder. Der Organisationsgrad in dieser Altersgruppe lag dort zuletzt nur noch bei 9,8 Prozent. In Österreich sind die Relationen ähnlich: 24,1 Prozent der Arbeitnehmer, aber nur 16 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder gehören der jüngsten Altersgruppe an. Demgegenüber sind die 51- bis 65-Jährigen in den Gewerkschaften durchwegs überrepräsentiert.

Höherqualifizierte besser organisiert

Die Gewerkschaften müssen dem „Verrentungseffekt“ entgegenwirken und gezielt um junge Mitglieder werben, wenn sie den europaweiten Trend stoppen wollen, immer mehr an Bedeutung zu verlieren, ist eine der Schlussfolgerungen der Studienautoren. Ein weiteres Defizit: Sie seien ausgerechnet in den Beschäftigtengruppen am schlechtesten verankert, deren Arbeitsbedingungen von kollektiven Verhandlungen besonders profitieren könnten. Besonders kümmern müssten sie sich demnach um Teilzeitkräfte und befristet Beschäftigte, aber auch um Geringqualifizierte: Letztere sind laut den Auswertungsergebnissen in den meisten untersuchten Ländern schwächer organisiert als höher Qualifizierte – obwohl doch zu vermuten sei, dass besser Ausgebildete „den kollektiven Schutz weniger benötigen“.

Was die Geschlechter betrifft, gibt es übrigens keinen durchgängigen Trend: In acht Ländern sind Frauen stärker organisiert als Männer, in den acht übrigen ist es umgekehrt, wobei Österreich zur zweiten Gruppe zählt.

Und warum gibt es ganz generell eine so starke Streuung beim Organisationsgrad? Das liegt laut den Studienautoren an unterschiedlichen Aufgaben der Arbeitnehmerorganisationen. In manchen Ländern sind oder waren die Gewerkschaften auch für die Arbeitslosenversicherung (mit-)verantwortlich, dort haben sie traditionell besonders viele Mitglieder. (cka)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2017)