Die Uni Wien beziffert die Kosten des Protests mit einer Million Euro. Selbst Befürworterin Sabine Oberhauser ist für einen "Weg jenseits der Besetzung".
„Die Presse“: Sie waren als eine der ersten Politikerinnen im besetzten Audimax. Warum dieses starke Signal der Unterstützung für die Protestierenden?
Sabine Oberhauser: Weil ihnen etwas gelungen ist, was uns allen nicht gelungen ist: Innerhalb kürzester Zeit nicht nur in Österreich, sondern auch im Ausland das Bildungsthema auf die Titelseiten aller Zeitungen zu bringen und Bewegung ins System zu bringen.
Stimmen Sie inhaltlich mit den Forderungen der Besetzer überein?
Oberhauser: Ja. Die Anliegen stimmen im Kern mit den Forderungen, die der ÖGB im Bildungsbereich seit Langem vertritt, überein, etwa freier Zugang zu Bildung und die Demokratisierung der Unis.
Wo sehen Sie die größten Schwachstellen im Hochschulsystem?
Oberhauser: Das größte Manko ist, dass wir zu wenig Geld haben. Wir befinden uns in einem Aufholprozess nach Schwarz-Blau. Da wurden zwar Studiengebühren eingeführt. Die wurden allerdings nur dazu verwendet, Budgetlöcher zu stopfen – und nicht für die Studierenden. Jetzt müssen wir weiter die Budgetsteigerung auf zwei Prozent des BIPs anpeilen. Wo wir ebenfalls nachhinken, ist die Frage der Betreuungsverhältnisse. Jetzt, da es durch den Bachelor zur Verschulung der Ausbildung kommt, wird das Thema akut.
Erfüllt der viel kritisierte Bachelor seinen Zweck, die Absolventen „arbeitsmarktfähiger“ zu machen?
Oberhauser: Es ist noch zu früh, das zu beurteilen. Zu versuchen, die Menschen früher in den Arbeitsmarkt zu bringen, ist grundsätzlich eine vernünftige Idee. Vor allem in Hinblick auf die Anerkennung durch den Arbeitgeber muss beim Bachelor aber sicher noch nachjustiert werden.
Ihre Partei, die SPÖ, ist in der Regierung – könnte in vielen dieser Punkte also durchaus etwas ändern.
Oberhauser: Natürlich. Das der SPÖ umzuhängen, halte ich aber für falsch. Zuerst ist es die Aufgabe des ÖVP-Wissenschaftsministers zu handeln. Und die des Finanzministers, das Geld zur Verfügung zu stellen. Der Außenminister hätte längst der Frage des Ausgleichs zwischen den Ländern, zwischen denen Studierende hin und her wechseln, lösen müssen.
Die Solidaritätsbekundung von Besetzern und Metallergewerkschaftern, die angesichts der Lohnverhandlungen protestierten, haben für Verwunderung gesorgt. Wo sehen Sie die Parallelen zwischen deren Anliegen?
Oberhauser: Der Wert, den Bildung bei uns in der Gewerkschaft hat, ist extrem hoch. Sehr viele von uns sind Profiteure eines Systems, in dem Bildung plötzlich frei war und in dem es plötzlich keine Aufnahmeprüfungen an den Mittelschulen mehr gab. Dieses System ist uns wichtig. Auch weil wir wissen, wie es ist, wenn Eltern auf Grund von fehlendem Geld ihren Kindern keine Bildung ermöglichen können. Zudem werden die wenigsten Studierenden später Industrielle, sondern Arbeitnehmer. Das haben sowohl der ÖGB als auch die Studierenden begriffen.
Zwischenbilanz nach sieben Wochen Protest: Hat die Politik richtig auf die Studenten reagiert?
Oberhauser: Ich glaube, dass der Wissenschaftsminister sie zu lange ignoriert hat. Er hat nicht gesehen, welch Potenzial an politisch denkenden jungen Menschen es gibt.
Die Uni Wien beziffert die Kosten des Protests mit einer Million Euro beziffert. Haben Sie für eine weiter andauernde Blockade Verständnis?
Oberhauser: Die Aufmerksamkeit war gut, jetzt müssen wir einen Weg jenseits der Besetzung finden. Der Hochschuldialog ist ein erster Schritt. Was noch fehlt, ist mehr Partizipation für die Studierenden. Wir brauchen andere Formen der Kommunikation, wie etwa Open- Space-Konferenzen, die für große Menschengruppen geeignet sind.
AUF EINEN BLICK
■Sabine Oberhauser ist Vizepräsidentin des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) und sitzt als Gesundheitssprecherin für die SPÖ im Nationalrat. Die Medizinerin besuchte die Besetzer im Audimax der Uni Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2009)